Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame

Die diesem Beitrag anhängende Arbeit entstand bis zum 14.3.2015 im Rahmen eines Seminars an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Auf Grund ihrer aktuellen Relevanz habe ich mich entschieden, sie hier zu veröffentlichen:

Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame

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Nichts gemeinsam!

„Du bist gegen vieles? Wir auch!
Du weißt alles besser? Wir auch!
Die ganze Welt ist scheiße? Ja genau!
Doch das Problem ist: Du bist es auch!“
(Du Bist Dagegen)

Seit einigen Monaten schallt eine schrille Stimme über die Plätze der Republik, und ihre Verkündungen sind an Demagogie mit das übelste, was mir bis dato untergekommen ist. Praktisch läuft das so ab: Ein kleiner Geist mit großem Maul – Ken Jebsen nennt sich der Mann – schreit von einer Holzkiste herab seinen Jüngern eine meist grundfalsche, immer hetzerische These zu, die er noch für die allein selig machende Wahrheit hält, gibt den Zuhörern eine kurze Möglichkeit, Zustimmung zu äußern, und geht dann zur nächsten Tirade über. Dieses sowie einige Änderungen im Konsumverhalten nennt er „Aktivismus“. Seine Anhänger fordert er auf, ebenfalls zu solchen „Aktivisten“ zu werden. Die so geschaffene Bewegung ist brandgefährlich – für die künftige gesellschaftliche Entwicklung, nicht für ein Wirtschaftssystem, das sie nicht einmal beim Namen nennen, nur scheinbar bekämpfen und nicht im Ansatz verstehen.

Im Folgenden werde ich eine Rede rezitieren, die er am 12.10.2013 gehalten hat, und dabei an Hand der behaupteten – Begründungen sind ihm unbekannt – Inhalte zu zeigen versuchen, was diese Person und ihre Fangemeinde so reaktionär, anti-emanzipatorisch und damit hassenswert macht.

Zuvor eine Bemerkung in eigener Sache: Tucholsky hat einmal behauptet, ein Intellektueller habe, um in die Führung einer Arbeiterpartei eintreten zu dürfen, für die Arbeitersache persönliche Opfer zu bringen. Nun weiß ich nicht, welche Kriterien ein fortgelaufener Bürger erfüllen muss, um als Intellektueller durchzugehen. Sollte ich aber wider Erwarten irgendwann ein Pöstchen in einer Arbeiterpartei (Haben wir eine?) ergattern wollen, so bleibt festzuhalten, dass das geforderte Opfer hiermit erbracht ist: Diesen geistlosen Krampf von einer Rede stoisch bis zum Ende ertragen zu haben, bei jedem Satz den Abscheu körperlich gefühlt zu haben, und an jedem dümmlichen „Genau!“ aus dem Publikum verzweifelt zu sein – wer das nicht als schweres persönliches Opfer anerkennt, möge die eigene Leidensfähigkeit hier testen. Und sich eines Besseren belehren lassen.

An besagtem Tage hat es sich also zugetragen, dass jener kleine Geist mit großem Maul in Berlin gegen den amerikanischen Biotechnikkonzern Monsanto gewütet hat. Kritisiert hat er nicht – nur gewütet. Und das geht so:

Eine Rede, die beginnt, wo tatsächlich ernsthafte Kritik zu äußern wäre, nämlich bei Monsanto, stattdessen aber in rechtsesoterische Aggression abgleitet, muss den Bezug zur Realität trennen. Dieser Bruch ist gleich anfangs zu vollziehen , und er wurde auch vollzogen: „Ich glaube, einige Leute die hier sind, haben etwas überhaupt nicht verstanden. Es geht bei Monsanto nicht um Lebensmittel. (…) Es geht um Monopolisierung, es geht darum, Kontrolle auszuüben.“ Ab diesem Satz handelt die Rede gar nicht mehr von hungernden Menschen, auch nicht von deren Versuchen, sich zu wehren, und wenn Jebsen im weiteren Verlauf seiner Rede von Monsanto spricht, so meint er nicht länger einen bestimmten Konzern. Die nachweis- und nachlesbare Realität hat diesen entsetzlich empathiefreien Menschen nie interessiert, denn er befasst sich mit Höherem: Dem Aufdecken einer Verschwörung. In der ganzen übrigen Rede ist Monsanto nur noch eine Projektionsfläche – ein Synonym für „die da oben“. Ein austauschbares Hassobjekt.

Ausgetauscht wird dieses gegen mancherlei: Angelehnt an die Machenschaften Monsantos führt Jebsen aus: „Niemand würde sich das gefallen lassen, wenn man in seinem Garten Gift in seinen Brunnen packt.“ Dass der Mann Antisemit ist, ist längst erwiesen: „Nationalzionisten haben Israel okkupiert wie Nazis 33 Deutschland okkupiert haben (…)“. Man darf also annehmen, dass er weiß, was er tut, wenn er einen amerikanischen Konzern als Brunnenvergifter brandmarkt. Er braucht das „jüdische Finanzkapital“ nicht explizit anzusprechen, die, die ihn verstehen sollen, verstehen ihn schon richtig. Dass er außerdem Anhänger der Zinskritik Silvio Gesells ist, sollte an dieser Stelle niemanden überraschen und sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Auch der Klerikalfaschismus einer Sibylle Lewitscharoff kommt auf seine Kosten: „Ich würde darüber nachdenken, warum Monsanto & Co. folgendes getan haben: Sie sind auf der ganzen Welt herumgefahren und haben sich die ganze Vielfalt, die Schöpfung, das Saatgut geholt und es irgendwo eingefroren.“ Ich würde eher darüber nachdenken, warum einer, der einen Volkssturm gegen „die da oben“ plant, hier „die Schöpfung“ ins Spiel bringt, wenn nicht, um ein paar religiöse Fundamentalisten mit ins Boot zu holen. Jebsen weiter: „Der Mensch ist gar nicht in der Lage, die Natur zu verbessern. Immer wenn er sich einmischt, kommt Scheiße dabei heraus!“ Und ich dachte schon, mit der Bezeichnung von Menschen, die nicht durch einen gottesfürchtigen Liebesakt im Ehebett gezeugt wurden, als „Halbwesen“ sei der neurechte Tiefpunkt bereits erreicht worden… Welch ein Irrtum.

Wie immer, wenn die sich links dünkende Reaktion am Werk ist, darf auch hier die Konsumkritik nicht fehlen, schließlich „ist (man), was man isst“. Die Strategie dahinter: Je mehr sie den Durchschnittsbürger verächtlich machen, ihn als dumm, fett, konsumgeil, vulgär und hedonistisch diffamieren, desto elitärer wird der kleine Kreis, der mit höherem Durchblick ausgestattet „die Wahrheit“ erkennen kann. Folgerichtig erklärt Jebsen dann auch, um sich von diesen Konsumzombies, die an den Fäden Davidstern tragender Puppenspieler hängen, ultimativ abzugrenzen: „Hast du dein Konsumverhalten geändert? Ich habe es geändert, ich bin zum Vollveganer geworden, das habe ich getan!“ Sehr löblich… Enthaltsamkeit und Antisemitismus, das ist alles, was hinter diesem völkischen „Antikapitalismus“ steckt.

Und mitten unter diesen Hetztiraden findet sich folgender Satz: „Das hat Rudi Dutschke doch schon alles gesagt!“ Nein, das hat er nicht. Ein Faschist hat ihn ermordet, und Faschisten beleidigen sein Andenken, indem sie ihn in einen „Nationalrevolutionär“ umzulügen versuchen, der er nie gewesen ist, eine Lüge, die erst durch den vorangegangenen Mord möglich wird. Wir wollen ihr in seinem Namen widersprechen.

Ich will allerdings nicht behaupten, dass Ken Jebsen immer Unrecht hätte, denn das wäre glatt gelogen. Das Körnchen Wahrheit in Jebsens Rede sei dem Leser nicht vorenthalten: “(Die bewusste Desinformation der Zuhörer) ist eine Verblödungsstrategie, das ist Vorsatz, das ist Absicht.“ Ein überraschend selbstkritisches Fazit, nichtsdestotrotz ein zutreffendes.

Abschließend habe ich eine persönliche Frage an diejenigen „Aktivisten“, die eigentlich keine Antisemiten sein wollen, die beim Zuhören wenigstens ein leises Unbehagen beschleicht, die auf einer ehrlichen Orientierungssuche sind: Hast du jemals echte Zweifel bekommen? Hast du jemals ernsthaft die Möglichkeit erwogen, auf dem Holzweg zu sein? Ich habe mich das oft gefragt…Kommunismus – trotzalledem? Aber wer den Altersgenossen in Griechenland eine Perspektive bieten will, die nicht darin besteht, zu warten, bis die Wachstumsprognosen freundlich lächelnder Anzugträger doch einmal zutreffen, der kann ihnen ja nur eines raten: Zu rebellieren, politische Gegenmacht aufzubauen, Klassenkampf von unten zu führen. Und der hat zugleich deren Kampf nach Deutschland zu tragen. Die tatsächliche Wahrheit, nämlich dass ca. 60% der Jugendlichen in Griechenland ohne Arbeit sind, ist eben konkret, und ja: Gelegentlich steht sie auch im Spiegel.

Und jetzt frage dich selbst: Angenommen, dieser Mensch mit Mikrofon wäre nur ein Schreihals, der deine Anerkennung will, nachdem sie ihm in der Öffentlichkeit verwehrt wurde – sei dieses eine mal wirklich kritisch, und überlege dir: „Was bliebe dann von meinem Weltbild?“ Und gib die ehrliche Antwort: „Nichts.“ Denn was diese – eure – Bewegung unter „Wahrheit“ versteht, ist teils gelogen, teils erahnt, teils herbei halluziniert, nur eines gerade nicht: Konkret.

Ohne ihren Verkünder gäbe es diese „Wahrheit“ gar nicht, denn sie ist diffus, und ohne diese „Wahrheit“ gäbe es auch ihren Verkünder nicht mehr, denn „er ist nur der Lärm, den er verursacht“. (Kurt Tucholsky)

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