Aufklärung oder Barbarei

Nach diesem Text werden auf „Trotzalledem“ keine weiteren mehr erscheinen. Stattdessen werde ich künftig hier schreiben: https://bestimmtenegationen.wordpress.com/

Als ich den Blog begann, verstand ich mich als Teil der politischen Linken. Heute nicht mehr. Es ist nicht ganz einfach, die vielfältigen Gründe dafür auf einen kleinsten Nenner zu bringen. Der Kern besteht wohl darin, dass auch die Linke nur eine gesellschaftliche Gruppe ist, die ihre Machtmittel mobilisiert, um ihre Wahrheit durchzusetzen, anstatt der einen dialektisch nachzuspüren. Was ohnehin in der objektiven Tendenz liegt, nämlich das Aufeinanderprallen konkurrierender Narrative, denen jede Grundlage für einen produktiven Austausch abhanden gekommen ist, hat postmoderne Theorie affirmativ gewendet und legitimiert. Kommunistische Politik, der die Möglichkeit von Praxis versperrt ist, besteht jedoch in nichts anderem als der Aufklärung der bestehenden Verhältnisse – nicht darin, falsches Bewusstsein mit nicht weniger falschem, aber genehmerem zu bekämpfen. Dessen Verbreitung mag im Kampf gegen spätkapitalistische Zumutungen, wie sie derzeit in Frankreich durchgesetzt werden, oder gegen die wachsende Fremdenfeindlichkeit kurzfristig hilfreich sein, beschwört aber zugleich neue Potentiale von Barbarei: nicht nur Rassismus und Kapitalismus können tödlich sein, sondern auch Antirassismus und Antikapitalismus, wenn sie zu gegen Erfahrung und Revision gepanzerten Weltbildern, zu Punkten auf einem linken Ticket erstarren. In dieser Gestalt tendieren sie zum Antisemitismus. Eine Linke, die das nicht begreift, die sich also zur Kenntnis zu nehmen weigert, dass nicht jeder diskursive Stachel gegen das liberale Establishment auf Emanzipation hinweist, hat aufgehört, für diese einzutreten.

Selbst reflektierte Zeitgenossen ziehen mehrheitlich den Standpunkt einer imaginierten, wirklichen Linken dem Bruch mit der real existierenden vor. Anstatt sich aus letzterer zu verabschieden, werden die unter roter Flagge segelnden Feinde von Emanzipation, Freiheit, Individualität und Aufklärung ihrerseits zu Rechten erklärt. Das Argument verläuft parallel zur beständig wiederholten Torheit, dieses oder jenes barbarische Handeln habe „nichts mit dem Islam zu tun“. Weil es keine patentierte Linke und auch keinen patentierten Islam gibt, können die ungeliebten Mitstreiter schwerlich einfach per definitionem ausgeschlossen werden: mit dem selben Recht wie ihre Glaubensbrüder und Genossen bezeichnen sich manche Bannerträger der Barbarei als Muslime oder Linke. Ihnen nun nicht etwa vom Standpunkt der Emanzipation, sondern von dem einer islamischen oder linken Identität aus zu widersprechen, birgt die Gefahr der Apologie. Nicht nur bestärkt solche Identität, deren Anziehungskraft aufs Publikum nicht zuletzt davon abhängt, ob sie sich erfolgreich als Mehrheitsposition verkaufen kann, die Tendenz, dass das erkannte Problem wahrheitswidrig zum Randphänomen verkleinert wird. Sondern die Kritik dessen, der seiner Identität verhaftet bleibt, vermag darüber hinaus auch nicht, die Spuren der Barbarei in den jeweiligen common sense hinein zu verfolgen. So mag es sein, dass der Hass auf den jüdischen Staat wenigstens in der deutschen Linken mittlerweile weitgehend als unfein gilt. Dennoch kann sich noch der vulgärste Antizionismus auf das linke Vorurteil verlassen, wonach die Solidarität – warum auch immer – stets der schwächeren Seite zu gelten habe. Stellt der identitäre Standpunkt zu viele solcher Vorurteile in Frage, ohne die in Frage zu stellen seine Kritik freilich wertlos ist, so wird er unglaubwürdig. Beteuerungen, wahrhaftig links, wahrhaftig islamisch zu sein, vermögen nicht mehr zu überzeugen. Wer nicht als Antideutscher oder Kafir gelten will, lässt es so weit nicht kommen und schont folgerichtig die Wurzel des Übels, froh, vom Kollektiv immerhin noch geduldet zu werden. Erst mit der inneren Distanz zu diesem kommt die Freiheit, zu sagen, was nötig ist. Zwar muss der Bruch mit der eigenen Identität nicht explizit proklamiert werden. Gleichwohl kann, wer die herauf dämmernde Barbarei konsequent bekämpfen will, dem Vorwurf, nicht mehr dazu zu gehören, nur vollkommen gleichgültig gegenüberstehen.

Von dieser kündigten auch besonders meine früheren Texte. Inhaltlich kennzeichnet sie ein antibürgerliches Aufbegehren, das freilich vom Gegenstand seiner Aversion noch viel zu wenig wusste, als dass es jemals hätte Kritik sein können. Die Feindbilder, die es zeichnete, waren im Großen und Ganzen schon die selben, die ich später als Ideologie zu denunzieren versuchte: russophobe Kriegstreiber und gierige Kapitalisten einerseits, deutsche Untertanen andrerseits. Längst ist die auf Klassenkampf gemünzte Dichotomie von der Realität eingeholt und überrollt worden. Letztere, die ich mit marxistischer Wald-und-Wiesen-Rhetorik aufzustacheln gedachte, hassen den Liberalismus und den Westen auch ganz ohne mein Zutun, aber dieser Hass zielt – im Einvernehmen mit dem russischen Regime – genauso auch auf das emanzipatorische Projekt, wie umgekehrt der Hass auf den Kommunismus in den ehemaligen Sowjetrepubliken schon immer auch dem Liberalismus galt [1]. Der heutige Zustand Polens, Ungarns und Ostdeutschlands ist sowohl ein Produkt des real existierenden Sozialismus als auch des Denkens und Handelns seiner Feinde, die 1989 den Sieg davontrugen. Den Faschismus füttern sie beide: das antikommunistische Ressentiment nicht weniger als das antiliberale. In der Denunziation des entwurzelten, vom Volk entfremdeten Bonzen, aktiv wahlweise in der kommunistischen Partei oder im Vorstand eines internationalen Konzerns, finden sie schlussendlich zueinander. In diesem Zusammenhang ist auch meine Polemik gegen Uli Hoeneß, „Der Wursthans“, zu sehen und zu kritisieren.

Schlimmer noch ist der gruselige Stil besagter Texte. Sie triefen vom selben Pathos, der auch für die Satiresendung „Die Anstalt“, diesen Ausbund an Gegenaufklärung, charakteristisch ist. Pathos ist der unweigerliche Begleiter des ins Positive abgeglittenen Kritikers. Weil seine konstruktiv-idealistischen Vorschläge unter den gegebenen Umständen auch von wohlmeinenden Standortverwaltern nicht umgesetzt werden könnten, weil überhaupt die Situation derlei nicht hergibt, vergiftet Kitsch von Beginn an jedes Argument, das er für sie vorbringen mag. Sein Widerspruch besteht darin, gegen das verhärtete Ganze anzureden, ohne sich aber selbst von diesem ganz gelöst zu haben. Daran scheitern die wohlmeinenden Bürger, während die weniger wohlmeinenden schon mit den Hufen scharen. Am Ende klingt in der falschen Gesellschaft noch die Forderung, Flüchtlinge im Zweifel an der Grenze zu erschießen, vernünftiger als die nach einer Welt ohne Nationalstaaten. Pathos und Kitsch denunzieren die Alternative, die der sozialdemokratischen Regierung in Wahrheit nie offen stand, und bereiten so erst recht jener Realpolitik den Weg, auf die es ohnehin hinausläuft. Deren geborene Exekutoren schlussendlich sind die Faschisten: der Wahn, zu dem sie subjektiv sich bekennen und den sie sich zugute halten, ist der objektive Wahn der falschen Verhältnisse. Wenn der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, die Apologie des Bestehenden zum Kern seiner Anschauung erklärt, das schon allein deshalb richtig sei, weil es eben ist [2], dann überrascht das ebenso wenig wie einer der Slogans der Alternative für Deutschland aus den jüngsten Landtagswahlkämpfen: „Realisten wählen AfD!“

Zum Pathos gesellte sich in meinen Texten bisweilen die Praxis des kenntnisfreien Bescheidwissens. Aus ihr spricht immer Identität: wer Sarrazin ohne Begründung verurteilt, spekuliert auf die Zustimmung der Eigengruppe, aus der sich niemand zu dessen Verteidigung aufschwingen wird. Wenig überraschend ist es dann auch die Zeitschrift Bahamas, die routinemäßig und ohne Beleg für faschistoid erklärt wird. Indem sie mit der Linken plakativ brach, verwirkte sie das Recht auf eine einigermaßen faire Besprechung durch diese. Einer der Vorzüge, es der Bahamas in diesem Punkt gleichzutun, besteht darin, sie endlich aus anderen Gründen misstrauisch beäugen zu können als des Gruppenzwangs wegen.

Mein meistgelesener Text – „Nichts gemeinsam!“ – läutete die Trendwende ein. Weit, sehr weit davon entfernt, Sternstunde der Kritik zu sein, erfüllte er zweifelsohne seinen Zweck: das Angebot, das die Montagsmahnwachen für den Frieden damals unterbreiteten, möglichst drastisch zurück zu weisen. In der Auseinandersetzung mit diesen bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung davon, was völkisches Denken im Deutschland des 21. Jahrhunderts ausmacht. Insofern trugen Ken Jebsens Parolen am Ende doch noch zur Aufklärung bei. Und tatsächlich tauchten später alle ideologischen Momente der Mahnwachen im Zusammenhang mit offener völkischen Bewegungen wieder auf. Und mit einer offen völkischen Partei.

Die folgenden Texte blieben zunächst ambivalent. „Die Verwichtelung der Linken“ hätte eine gelungene Kritik an Ken Jebsen werden können, wäre ich nicht der Versuchung erlegen, diesen obsessiv der politischen Rechten zuzurechnen – ganz so, als verbinde die Montagsmahnwachen mehr mit Frauke Petry als mit Sahra Wagenknecht. Einen besonderen Tiefpunkt stellte sicherlich das Gedicht „Gewidmet den Volksgenossen Hinz und Kunz“ dar, das mit der Forderung an dezidiert rechte Friedensfreunde wie Jürgen Elsässer und Andreas Popp endete, sie mögen von der Friedensbewegung ablassen, auf dass diese wieder gut und links sei. Dabei hatte diese Wolfgang Pohrt bereits 1981 als das denunziert, was die Friedensbewegung schon damals war, nämlich als „deutschnationale Erweckungsbewegung“ [3]. Von der besonderen Regression im vorliegenden Fall abgesehen freilich wird dem Gedicht selbst, als literarischer Form, Gewalt angetan, wenn es einer Anschauung Untertan gemacht wird. Um mehr als bloße Anschauung kann es sich indessen schwerlich handeln, ist es doch kaum möglich, in wenigen, gereimten Zeilen einen Gedanken auf den Begriff zu bringen, der es wert wäre, gesagt zu werden. Ein Gedicht, Kunst überhaupt, mag durchaus politisch sein, aber wer primär die Arbeiter agitieren möchte, möge sich lieber mit rotem Mikrophon bewaffnet zum örtlichen Marktplatz begeben.

Neben solchen Blamagen gab es zunehmend lichtere Momente, wie beispielsweise die Arbeit über und damit notwendiger Weise gegen Endgame, die sich zwar dem universitären Betrieb folgend Diskursanalyse nannte, tatsächlich aber Ideologiekritik sein wollte. Entsprechend wurde kritisiert, dass ich die Unwahrheit des antisemitischen Wahns zu denunzieren versucht hatte, anstatt mich auf normative Appelle gegen den Hass auf die Juden zu beschränken. Mit den Texten zur Demokratie bin ich ebenfalls zufrieden, wenngleich nicht sicher, ob es wirklich klug ist, den Begriff der Demokratie ganz zu verwerfen, weil er den Völkischen so herrlich ins Konzept passt, die ihn nur von allen liberalen, also undemokratischen Elementen befreien müssen, um den Volkssturm rechtskonform zu entfesseln. Die jüngste Kritik an Werner Patzelt hat zumindest dessen Aufmerksamkeit erregt [4]. Auch nach der Lektüre seiner erbosten Replik bin ich der Meinung, dass jene Kritik, deren Quintessenz er grandios missverstanden hat, im Kern richtig ist, und werde das – so zumindest der Plan – beizeiten ausführen.

Der Text zu Werner Patzelt wird vorläufig der letzte in gegenderter Sprache gewesen sein. Einerseits werden mit dieser zu hohe Erwartungen verbunden: so fest sind Aufklärung und Herrschaft ineinander verschränkt, dass Änderungen an der Sprache niemals mehr sein können als ein vorsichtiges Kratzen an der Oberfläche dessen, was erst Kritik aufzuspießen vermöchte. Gerade diese aber leidet gemeinsam mit der Sprache unter den auf Geschlechtsneutralität zielenden Modifikationen. Sprache hingegen, die von solcher Modifikation unbenommen bleibt, verschweigt fortwährend mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Der Widerspruch lässt sich gegenwärtig nicht auflösen. Wichtiger ist aber ohnehin, das Geschlechterverhältnis bei der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Verfallsprodukte stets mitzudenken.

Letzteren gehört, sofern sich nicht Grundsätzliches ändert, die Zukunft. Der allgemeine Niedergang aufgeklärten Denkens ist das Verhängnis, das ihnen den Weg bereitet. Besonderen Ausdruck findet diese Entwicklung im Aufstieg der Trumps, Hofers und Le Pens, vor denen die Liberalen zu Recht erzittern. Die regressive Tendenz allerdings beschränkt sich längst nicht auf solche Verkünder des gesunden Volksempfindens: kein Milieu, das a priori vor ihr gefeit wäre. Als Gegenmittel wirksam zu sein verspricht einzig die kontinuierliche Anstrengung, durch Denken Wahres von Falschem zu scheiden. Ohne Garantie allerdings, in der Sache richtig zu liegen, bleibt nur das Misstrauen gegen die eigene Position, das der Gegenseite freilich verheimlicht werden muss. Die in Stein gemeißelte Meinung selbst tendiert zum Wahn, während zugleich sie allein diesem politisch entgegenzutreten vermag. Die grassierende Islamapologie liegt nicht zuletzt darin begründet, dass eine fundierte Einschätzung dieser Religion, betrachtet nicht als wohlfeile Idee, sondern wie sie real sich darstellt, Linken und Liberalen als Zurückweichen vor den Völkischen erschiene. Lieber behalten sie eine Position bei, die sich nicht nur täglich vor der Wirklichkeit blamiert, sondern die auch a priori auf eine Auseinandersetzung mit dem Islam verzichtet, die über die Denunziation der irren Ausläufer – des Islamischen Staats oder Boko Harams – als unislamisch und extremistisch hinauskäme. Nur deshalb konnte sich das iranische Regime im Zuge seiner Charmeoffensive als vergleichsweise vernünftig inszenieren, ohne an seiner Haltung, insbesondere gegenüber dem jüdischen Staat, das Geringste zu ändern.

In Zeiten, in denen die Kategorien „politisch links“ und „politisch rechts“ im selben Maß ihren Gehalt verlieren, wie sich der Wahn – meist in Form des unerschütterlichen Verdachts, es sei eine Verschwörung im Gange – auch unter Linken verbreitet, während die selbstgefällige „Mitte“ und mit ihr der liberale common sense erodieren, weil die Selbstbeherrschung und Selbstverstümmelung des restlos Aufgeklärten in die völlige Enthemmung des zeitgemäßen Wutbürgers zurückschlägt, sind revolutionäre Parolen fehl am Platz. Zwar bedarf es der kommunistischen Weltrevolution heute dringender als zu irgendeinem Zeitpunkt seit 1945, zugleich ist sie aber in noch weitere Ferne gerückt. Mehr noch als sonst gilt hier, dass das Beschwören des vorerst Unmöglichen in Kitsch und Pathos endet und dem durchaus Möglichen, der vollständig entfalteten Barbarei, dabei geflissentlich den Weg ebnet. Die revolutionäre 1. Mai-Demonstration wäre auch ohne die sich dort tummelnden Antisemiten ein eher gruseliger Ort, ist doch nicht nur kein revolutionäres Subjekt in Sicht, das den Ruf erhören würde, sondern offenkundig auch kein politisches Bewusstsein, dem der Sieg über den Liberalismus derzeit ernstlich zu wünschen wäre.

Worum es stattdessen zu tun wäre, ist die Verteidigung des Bürgerlichen gegen die abtrünnig gewordenen Bürger. Solcher Antifaschismus bezieht sich für seine Analyse der Todfeinde der Emanzipation, die sich zunehmend auch unter dem Banner Allahs sammeln, auf die Kritik der politischen Ökonomie, bleibt aber bescheiden: der Erhalt des furchtbaren Zustands, der zum furchtbarsten tendiert, aber immerhin die Möglichkeit von Reflexion und Kritik einschließt, wäre bereits das Höchste. Denn solange die Verhältnisse noch Reflexion und Kritik zulassen, lebt auch die Hoffnung auf ihre Aufhebung fort. Neben der bloßen Selbsterhaltung liegt hierin das entscheidende Motiv, den Kampf mit dem politischen Wahn in all seinen Erscheinungsformen aufzunehmen. Das wohl wirkmächtigste Symbol für diesen Kampf, wenngleich nicht das einzige, ist die blau-weiße Fahne des Staates Israel.

[1] http://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt

[2] https://www.youtube.com/watch?v=ZeFnoYLRtNc

[3] http://www.zeit.de/1981/45/ein-volk-ein-reich-ein-frieden

[4] http://wjpatzelt.de/?p=698

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4 Gedanken zu “Aufklärung oder Barbarei

  1. Anonym schreibt:

    Ein guter Schritt in die richtige Richtung.

    Vielleicht brichst du bald ja, wie die ex-Antideutschen „Freunde der offenen Gesellschaft“ (die in dieser Form nicht mehr existieren) ganz mit den linken Dogmen, die meinen eine vollständige Analyse von den kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen bieten zu können.

    Dabei beziehen sie sich aber völligst dogmatisch auf Freud, Adorno und Marx, ohne die Theorien einer Revision durch wissenschaftliche Fakten zu durchziehen (grade bei der Bahamas ist die Liebe zu Freud als zwanghaftes Welterklärungsmittel sehr eindeutig).

    Wenn es einen praktischen Weg zum Kommunismus geben kann, dann muss sich dieser durch kritische Wissenschaft angeignet werden – also Wissenschaften, die die Gesellschaft als eine falsche begreifen. Von einem solchen Zustand der Wissenschaften sind wir aber weit entfernt.

    Bis dahin gibt es wohl praktisch nicht sehr viel mehr als sich für die liberalen Restbestände des deutschen Rechtstaats und für Solidarität mit Israel einzusetzen. Und versuchen darüber aufzuklären, wie sehr dieses Vorhaben auch zum Scheitern verurteilt sein mag…

  2. Immerhin der Drang zur Agitation ist den Freunden der offenen Gesellschaft, wie es scheint, noch nicht abhanden gekommen. 😉

    Im Ernst, ich habe den Text gelesen und fand ihn überaus interessant und unterhaltsam. Inhaltlich sehe ich ihn aber als Rückschritt, in vielerlei Hinsicht. Um nur den wichtigsten Punkt zu nennen: der Liberalismus und das, was von größerem Übel ist als er, sollen nun doch, wie es die Liberalen immer wollten, schlicht Antipoden sein. Damit wird die „Dialektik der Aufklärung“, deren Kernaussagen sich gerade in jüngster Zeit erhärtet haben, kurzer Hand über Board geworfen. Die dürftige Begründung dafür geben die Autoren in einer Fußnote:

    „Es ist im übrigen eine der übelsten Denunziationen der offenen Gesellschaft, ihr vorzuwerfen, daß sie Feinde hat. Strukturell ist sie durchaus der These verwandt, die Juden würden durch ihr Verhalten den Antisemitismus hervorrufen.“

    Mit beiden Thesen genauso „strukturell verwandt“ allerdings ist eine dritte, der die Freunde der offenen Gesellschaft wohl zustimmen würden: nämlich dass Allahs Gotteskrieger und ihr berufsbeleidigter Anhang selbst dafür verantwortlich seien, dass sie Feinde hätten. Über Wahrheit und Unwahrheit sagen solche rhetorischen Kniffe wenig aus. Wenn aber in der bürgerlichen Gesellschaft die Subjekte zu Dingen herabgesetzt und zu wenig geliebt werden, wenn sie weder sexuell noch ökonomisch auf ihre Kosten kommen, wenn sie es sich mit bestimmten Gruppen und Interessen nicht verscherzen dürfen, wenn sie zunehmend überflüssig und ohnmächtig werden, und wenn all das und mehr Spuren in ihrem Bewusstsein hinterlässt – dann in der das Tat ist das bürgerliche Subjekt ein prospektiver Faschist, der sich sozusagen ständig gegen die objektive Tendenz auflehnen muss, um kein wirklicher zu werden. So wenig der bürgerlichen Gesellschaft letztlich die Entscheidung fürs völkische Heilmittel oder ein ähnliches aufzubürden ist, so hat sie doch die Bedingungen geschaffen, vor denen die Entscheidung überhaupt möglich war. Nicht dass sie Feinde hat, ist der „offenen Gesellschaft“ vorzuwerfen, sondern dass sie die Menschen so gründlich zurichtet, dass Demagogen verschiedener Couleur am Ende so leichtes Spiel haben.

  3. me schreibt:

    besteht nicht die Gefahr, dass, wenn man die Unterscheidung zwischen politisch links und rechts völlig aufgibt, man die real existierende ideologische Querfront noch einmal in der Theorie verdoppelt und ihr so das Wort redet?

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