Ein Blechgockel auf der Frauenkirche

Eines gibt es an Joachim Gauck, das wirklich bewundernswert ist: Wie er es jedes Mal wieder schafft, den reaktionärsten Schund sprachlich so zu verpacken, dass ihn niemand zu erkennen scheint: Nicht die revisionistische Rechte, die ihn verehren sollte, die ihn aber großteils hasst, nicht die bürgerliche Presse, die ihn kritisieren sollte, aber hochleben lässt, nicht die Linken, die ihn richtiger Weise ablehnen, aber leider meist aus den falschen Gründen, und schon gar nicht unsere „progressiven Kräfte“ aus der Sozialdemokratie und den Grünen, deren Unvermögen, Gauck richtig einzuschätzen, sich ja bereits in der trivialen Tatsache offenbart, dass er ihnen sein Amt verdankt. Nun hat er eine Rede zur Bombardierung Dresdens 1945 gehalten, und wieder ist das selbe Phänomen zu beobachten: Die Presse vermeldet unisono, Gauck habe die Rede genutzt, um vor Relativierung deutscher Kriegsschuld zu warnen, und in den Kommentarspalten „erhebt“ sich ein nicht unwesentlicher Teil des „deutschen Volkes“, beklagt sich über den immer noch nicht gezogenen Schlussstrich und wünscht seinem Ersatzkaiser die Pest an den Hals.

Es ist ein Jammer, dass unsere Rechten gerade in diesem Fall auf die ihnen so verhasste „Lügenpresse“ vertrauen – sie sollten Gauck zuhören, und es besser wissen. Die Relativierung, vor der er angeblich warnt, betreibt er nämlich selbst: Nicht weniger als jene, nur weniger plump.

Die Formel, die hierfür bei Gauck zur Anwendung kommt, ist nicht neu im postnazistischen Deutschland, sie lautet: Im Leid seien alle gleich. Der geläuterte Deutschnationalist von heute gibt freimütig zu, dass Deutsche Täter waren, – den Teil haben Spiegel und Zeit noch mitbekommen – nur um dann – den haben sie leider verschlafen – sogleich die Leiden der Täter und Opfer, der Invasoren und Verteidiger zu parallelisieren und implizit gleichzusetzen:

„Viele Städte haben im Krieg schreckliche Bombardements erlitten. Städte, die von Deutschen angegriffen wurden: [D]as polnische Wielun, Rotterdam, Belgrad, London, Leningrad oder Coventry. Auch Städte, über denen alliierte Piloten ihre Bomben abwarfen: Kassel, Darmstadt, Essen, Lübeck, Berlin, Würzburg, Swinemünde oder Pforzheim.“

Denn richtiges Erinnern nach Gauck ist solches, das das „Schicksal aller Opfer“ in den Mittelpunkt stellt: Der angesehene SS-Offizier, der in den Flammen Dresdens umkam, und die namenlose Frau aus Leningrad, deren Ehemann in Auschwitz planmäßig vernichtet wurde, gleichwertig nebeneinander, vereint in ihrem „Schicksal“, immerhin seien sie „[unterschiedslos] vernichte[t]“ worden – der Mann spricht, als hätten die Nazis dieses Land vom Mars aus invasiert, als hätte die Mehrheit der deutschen Bevölkerung keine Wahl gehabt, als sei ihr „Schicksal“ nicht selbstgewähltes Elend gewesen, als hätte sie das „Schicksal“ der Anderen nicht millionenfach durch aktives Handeln besiegelt.

Für jene, die den dezent-liberal abgemilderten Opferkult nicht mitmachen möchten, ergo eine von Gauck abweichende Meinung vertreten, hält der sein liebstes Werkzeug verbaler Züchtigung bereit: Die gute, alte Totalitarismus- oder Extremismustheorie. Wer nämlich eine der der Nazis vollständig entgegenstehende Position vertritt, sei lediglich ins andere Extrem übergetreten und damit – Überraschung! – doch wieder so eine Art Nazi:

„[Die Zahl der Toten liegt bei] 25.000. Dennoch werden von einigen weiter höhere Opferzahlen behauptet, um alliierte Angriffe gegen nationalsozialistische Menschheitsverbrechen aufzurechnen, deutsche Schuld also zu relativieren. Und von anderer Seite wird das Flächenbombardement trotz des ungeheuren menschlichen Leids als gerechte Bestrafung gebilligt, also eine Kollektivschuld unterstellt und deutsche Leiderfahrung gänzlich ausgeklammert.“

Was nun die beiden „Seiten“ jenseits des Dogmas, dass die „Mitte der Gesellschaft“ immer Recht habe – ein Befund, der gerade durch den Nationalsozialismus klar widerlegt wurde – und die „Ränder“ „extremistisch“ seien, verbindet, weiß Gauck allein. [1] Zu den Themen „Kollektivschuld“ und „deutsche Leiderfahrung“ aber will ich meine „linksextreme“ Position gerne beitragen:

Ja, es sind in Dresden auch Unschuldige gestorben – Kinder, die jungen Seelen mit Ideologie vergiftet, und die Wenigen, die, isoliert, umgeben von Wahnsinnigen und kühl kalkulierenden Mördern, das Denken und Handeln ihrer „Volksgenossen“ aufrichtig ablehnten. Beide Gruppen waren schon Opfer, als sie noch lebten, und im Tod erst recht. Aber sie waren eben keine „deutschen Opfer“, wie uns das der Herr Gauck weismachen will, sondern umgekehrt gerade selbst Opfer dessen, was damals „deutsch“ war. Nicht die Piloten der Royal Air Force waren ihre Mörder, sondern jene Deutschen, denen auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ nur ein lautstarkes „Ja!“ einfiel.

Das war die – im dritten Reich durchaus nicht schweigende, leider lautstarke – Mehrheit. Wer aber den totalen Krieg will, soll ihn auch bekommen, und wer wissentlich ein Spiel um Leben und Tod beginnt, kann es mitunter auch verlieren. Dieser Teil der „deutschen Opfer“ war zwar durchaus „deutsch“ im damaligen Sinne, aber „Opfer“ bestenfalls in seiner eigenen Selbstwahrnehmung.

„Deutsche Opfer“, Herr Gauck? Die gab es nicht. Nebst der Kinder, die sich irgendwann hätten entscheiden müssen, gab es Deutsche, und gab es Opfer, gab es chauvinistische Mörder, die sich verkalkuliert hatten, und gab es billigend in Kauf genommene Kollateralschäden im „totalen Krieg“ ersterer. Das Nationalismuskonzept in Deutschland zur Zeit des Faschismus basierte auf einer homogenen Gemeinschaft, aus der jene wenigen Andersdenkenden, die mit Recht als Opfer betrachtet werden können, dezidiert ausgeschlossen waren. Noch Jahrzehnte nach der totalen Niederlage galten sie Vielen als Verräter. Wie aber soll entschieden werden, ob eine Person zu einem Zeitpunkt „deutsch“ war, wenn nicht durch das in Deutschland dominante Konzept deutscher Zugehörigkeit zu eben jenem Zeitpunkt? Wenn die tatsächlichen Opfer Dresdens aber gar keine Deutschen waren, sondern wie Millionen anderer Menschen Opfer der Deutschen – welches Recht hat dann diese Nation, um jene als solche der Ihren zu trauern? Und vor allem: Welches Recht hat die Nation der Mörder, im Gedenken noch einige tausend der tatsächlich Ihren zu Opfern zu machen?

Zu solchen Schlussfolgerungen kann Gauck nicht kommen, sonst wäre er als Bundespräsident, als Repräsentant der deutschen Nation, reichlich ungeeignet. Ihm geht es darum, in der Abgrenzung zum Nationalsozialismus ein Nationalismuskonzept zu entwerfen, das sich des Schattens der lästigen Vergangenheit – zumindest bezüglich der alltäglichen Politik – entledigt, nämlich wendet er sich „gegen ein Gedenken, das, mal von rechts und mal von links außen, im Geiste eines übersteigerten oder umgekehrt eines negativen Nationalismus missbraucht werden soll.

Welche Position bleibt nun als einzig legitime übrig? Wohl nur Gaucks eigene, die des vermeintlich gemäßigten, geläuterten, gesunden Nationalismus. Nun offenbart sich die Lüge in einem rhetorischen Mittel, das Gauck in quasi jedem seiner Beiträge verwendet, und das – meines Wissens – bisher noch überhaupt keine Kritik erfahren hat: Wann immer er meint: „Ich vertrete ‚Position X‘.“, sagt er stattdessen freundlich lächelnd in die Kamera: „Wir wissen/fühlen/verstehen/etc., dass ‚Position X‘.“ In diesem Stil:

„Kein bleibender Groll hat sich in ihren Herzen eingenistet, und auch nicht in unseren. Vielmehr fühlen wir uns vereint in einem Gedenken, das getragen ist von unserer Hinwendung zu den Opfern und der Anerkennung ihres Leidens. In dem auch eine tiefe Empathie zum Ausdruck kommt, die uns Anteil nehmen lässt an dem, was Menschen als Folge des Krieges geschehen ist – sei es in London oder Warschau, in Leningrad, Dresden oder Breslau. Wir vergessen nicht – und stellen miteinander das Schicksal aller Opfer in die Mitte unseres Denkens und Fühlens.“

Dafür gehört dieser deutschnationale Gockel geohrfeigt – Beate Klarsfeld? Sonst jemand? Glaubt der Herr wirklich, dass, wer noch die Nummer am Unterarm trägt, die Sache mit dem gleichberechtigten „Schicksal aller Opfer“ genauso sieht? Nun mag er eine Meinung vertreten, die von der vieler Holocaustüberlebender abweicht, unverzeihlich aber ist, wie hier das Wort „wir“ verwendet wird. Es sagt nämlich: „Wir sehen das so.“, genauer: „Unser deutsches Wir konstituiert sich über diese Position.“, und damit auch: „Wer diese Position nicht teilt, gehört nicht dazu.“

Es ist dieser nationalistische Ausgrenzungsmechanismus, den Gauck fortwährend reproduziert, mal gegen ihm so verhasste Linke, mal gegen jene Opfer deutscher Raserei, die sich nicht mit „deutschen Opfern“ in einen Topf werfen lassen wollen, am Rande auch gegen „Spinner“, womit wohl deutsche Neonazis gemeint sein dürften, die in den letzten 25 Jahren fast 200 Menschen ermordet haben. [2]

Von besagten „Spinnern“ verlangt er, auf dass sie wieder in den Schoß des deutschen Kollektivs aufgenommen werden mögen, nur dieses eine: Dass sie dem offenen Geschichtsrevisionismus, dem offenen Antisemitismus, dem offenen Rassismus abschwören. Denn:

„Wer bereit ist, die Fixierung auf das eigene Schicksal zu überwinden, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung.“

Versteht ihr nicht, ihr, die ihr eurem Ersatzkaiser die Pest an den Hals wünscht? Alles, was ihr tun müsst, ist euch zur deutschen Schuld zu bekennen, dann fällt die lästige Vergangenheit ab. Dann könnt ihr auch Sarrazin mutig finden, wegen Dresden herum jammern, oder in ein griechisches Märtyrerdorf reisen, den Menschen dort nichts als leere Phrasen präsentieren, und zugleich Merkels Austeritätspolitik unterstützen. Dann könnt ihr die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft der Männer vernichtet sehen wollen, oder den russischen Staatschef mit Hitler parallelisieren. Gauck macht es vor, und er reicht euch die Hand: Ein Schritt der Selbstüberwindung, und ihr seid frei.

[1] Fun Fact am Rande: In der selben Rede wirft Gauck der SED – durchaus zu Recht – vor, an den Dresden-Diskurs der Nazis angeknüpft zu haben, und ordnet sie deshalb zwischen der NSDAP und heutigen Neonazis ein. Man kann es dem Herrn als Linker auch nicht Recht machen…

[2] Anhänger der Linkspartei hingegen gelten Gauck als „politische Reaktionäre in Rot“. Der Mann weiß Prioritäten zu setzen.

Rede Gaucks im Wortlaut:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/joachim-gauck-rede-zum-70-jahrestag-der-zerstoerung-dresdens-a-1018416.html

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