Kein Vergeben, Kein Vergessen

„Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft.“
(Karl Marx/Friedrich Engels)

„Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“
(Slime)

„Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.”
(Theodor W. Adorno)

„Wir sind die Mauer, das Volk muss weg!“
(Johnny Mauser)

„Die Existenz einer deutschen Nation nach 1945 ist ein Skandal.“
(Stephan Grigat)

„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nicht verzeihen.“
(Zvi Rex)

Über der Nation, die mich am Tag meiner Geburt als Staatsbürger rekrutierte, ohne um Erlaubnis zu fragen, wehte zwölf Jahre lang die Hakenkreuzfahne. Damals definierte der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, eine deutsche Tugend auf folgende Weise:

„Ich meine die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. (…) Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“ [1]

Ein anderer „anständiger“ Deutscher, der damals ebenfalls seine vaterländische Pflicht erfüllte, war ein gewisser Josef Bayer – zu jener Zeit Gauleiter in Ravensburg. Seine genetische Reproduktion war gewünscht, während Andere zwangssterilisiert oder vernichtet wurden. Und es fand sich auch eine geeignete Partnerin im Reich, eine fanatische NS-Anhängerin bis zu ihrem Tod in den 90er Jahren… meine Urgroßmutter. Und das bin ich nun -: Ein Urenkel der Mörder, der weder zu vergeben noch zu vergessen bereit ist, weil es sachlich falsch wäre, aber auch, weil dazu überhaupt keine Berechtigung vorliegt. Als Teil einer Generation, in der es Mode geworden ist, mit einer flotten Bemerkung zur Großartigkeit Goethes über Shoa und Vernichtungskrieg hinwegzugehen, scheint mir ein solches Bekenntnis wichtiger denn je.

Zunächst muss auf den ersten und oberflächlichsten Einwand eingegangen werden, der immer schon in der Luft liegt, wenn die Sprache auf Deutschland und seine Vergangenheit kommt, jenem jämmerlichen Reflex also, der abstreitet, verharmlost, von sich schiebt, überhaupt jeden historischen Zusammenhang leugnet, obgleich doch der Nationalismus einer Kulturnation auf die Konstruktion einer bruchlosen Geschichte zwingend angewiesen ist, und der sich am Ende immer in der Frage manifestiert, was denn damals mit heute, was „ich“ mit „meinen Urgroßeltern“ zu tun habe. Ja, sagt es mir: Was? Was verbindet denn die deutschen Nationalisten mit dem großen Wolfgang von Goethe? Oder mit dem gewiss noch größeren Manuel Neuer? Die deutschen Nationalisten selbst konstruieren doch erst das Kollektiv über die Zeiten hinweg, in dessen Schoß sie sich flüchten, aber mit jenen „zwölf unseligen Jahren“, wie sich Klemmnazi Franz Schönhuber einst euphemistisch auszudrücken beliebte, wollen sie nichts zu tun haben, und verweigern zudem noch die selbstkritische Auseinandersetzung. Sie sagen „wir“ im Sinne einer „fettig-warmen Brühe“ [2], und als solche grenzen sie sich ab, von anderen Brühen. In ihrer „Identifikation (…) mit dem irrationalen Zusammenhang von Natur und Gesellschaft“, in dem sie „zufällig sich befinde(n)“ [3], wurzelt jene falsch Vorstellung, die die deutschen Nationalisten vor ihnen eben nicht missbraucht, auch nicht anders interpretiert, sondern lediglich konsequent zur Geltung gebracht haben.

Und nein, es geht auch nicht um irgendeine Form vererbter Schuld, ich bin ja kein Rassist, nicht einmal gegenüber selbstgerechten
Bio-Deutschen. Jedoch bringt die Shoa die Verpflichtung mit sich, „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. [4] Da die Projektion der kapitalistischen Misere auf eine Personengruppe sowie deren anschließende Vernichtung als Option der Bewältigung kapitalistischer Krisen prinzipiell jeder Nation offensteht, gilt dieser Imperativ universell – in Deutschland und Österreich aber, wo die bloße Möglichkeit massenmörderische Praxis wurde, wäre seine gesellschaftliche Durchsetzung nicht nur am drängendsten, sondern stößt zugleich auch auf die schärfste Ablehnung – nicht obwohl, sondern gerade weil Auschwitz ein spezifisch deutsches Phänomen war . Von Shoa, Vernichtungskrieg und tausend anderen Verbrechen will man heute nämlich nichts mehr wissen, wie man ja schon nach Kriegsende „davon nichts gewusst“ hatte. Haben wollte.

Und wie hätte man als Volksgenosse auch „davon“ wissen sollen? Immerhin, so die postnazistische Geschichtsschreibung, lebten die bemitleidenswerte deutsche Bevölkerung unter einem Regime, welches sie gegen ihren Willen totalitär unterdrückt habe – wie die russische unter dem Stalinismus. Und so wird es dann wohl auch gewesen sein: Totalitär unterdrückt wankten die Deutschen in die Wahlkabinen, als die Republik noch lebte, totalitär unterdrückt machten sie ihr Hakenkreuz bei der NSDAP. Totalitär unterdrückt gingen sie in die Kinos, sahen „der ewige Jude“, „die Rothschilds“ und „Jud Süß“ nur unter Zwang, und sogar die tiefe Befriedigung, die sie dabei empfanden, wird wohl zwingende Konsequenz eines allgegenwärtigen Totalitarismus gewesen sein. Als sie die wenigen Widerständler denunzierten, waren sie totalitär unterdrückt, die Armen, sie konnten nicht anders. Als die Führung antisemitische Pogrome forderte, gehorchten sie schweren Herzens. Enteignen wollte die Juden niemand, allein, irgendwer musste ja die Läden weiterführen, solange jene wegen eines Arbeitseinsatzes im Osten vorübergehend verhindert waren. Und mit der Niederwerfung des Erbfeindes Frankreich nahm der Totalitarismus solche Ausmaße an, dass sich die als arisch geadelte Bevölkerung des dritten Reichs genötigt sah, ihrem selbst gewählten Führer ein sensationelles Maß an Zustimmung zu bescheren.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Volksgemeinschaft hergestellt, war sie eben keine bloße Ideologie mehr, sondern täglich gelebte Praxis. Totalitarismus? Volksherrschaft, das wäre der richtige Begriff. Jene ahistorische Vorstellung von Demokratie, die als fratzenhafte Drohung schon im Hintergrund steht, wenn bürgerliche Politiker im Angesicht rassistischer Aufmärsche um Verständnis für die Ängste besorgter Bürger werben. Beim Verhalten dieser Politiker handelt es sich nicht mehr um bloße „repressive Toleranz“, die die „Tyrannei der Mehrheit“ stärkt und gegen die deshalb „der wirklich Liberale aufbegehrt“ [5], sondern um einen kühl kalkulierten Tabubruch, einen Pakt zwischen Volk und Regierung, der den Liberalismus an den Faschismus verrät und sich gegen die Minderheit richtet, die der Willkür der Mehrheit ausgeliefert wird. In diesem Sinn war der Nationalsozialismus demokratisch, wie auch die AfD, wenn sie das Selbstbestimmungsrecht schwangerer Frauen der Mehrheit zum Fraß vorwerfend eine Volksabstimmung über den Abtreibungsparagraphen fordert.

„Wir sind das Volk!“, der Ruf hallt jeden Montag durch die Straßen Dresdens, und man ist geneigt, den Rufern zuzustimmen. Jawohl, ihr seid das Volk, das stumpfe Kollektiv, das sich schon deshalb im Recht glaubt, weil es existiert, das mit seinen Tiraden gegen die „Lügenpresse“ bereitwillig „das ganze Projekt der Aufklärung über Bord“ [6] wirft, das keine Ratio braucht, weil ihm das gesunde Volksempfinden zu eigen ist, der „gesunden Menschenverstand“, wie sich Klemmnazi Bernd Lucke einst euphemistisch auszudrücken beliebte. Ihr seid eine beeindruckende Menge von Menschen mit einer beeindruckenden Menge dumpfer Parolen, eine konformistisch aufbegehrende Masse, die enttäuscht von der eigenen Obrigkeit diese „Volksverräter“ schimpft und nun zu quengeln gedenkt, bis eben diese Obrigkeit den Willen des Volkes doch noch vollstreckt, auf Kosten irgend einer Minderheit oder irgendeines demokratischen Prinzips. Gewiss, das Volk, wer wollte das bestreiten?

Unser bildungsbürgerliches Original-Volk hingegen reklamiert den Begriff, den sie für einen demokratischen halten, lieber für sich, weil sie sogar in der Auseinandersetzung mit den Völkischen noch deren Ausgrenzungsstrategie reproduzieren. Sie allein beanspruchen die politische Mitte, die Mitte der Gesellschaft zu sein. Nicht gegen das Prinzip der autoritär gesetzten Norm opponieren sie, sondern nur gegen die Setzenden, die als Konkurrenz erscheinen, nicht gegen die Idee einer per se im Recht sich befindenden Mehrheit, sondern nur gegen die eigene Furcht, künftig zur Minderheit zu gehören, wenden sie sich. Sie sind nicht gegen Deutschland selbst, aber bunt möge es sein. Während sich also das Volk, das sich montags in Dresden versammelt, noch grämt, weil die deutsche Vergangenheit sie daran hindert, sich dem Nationalismus vollständig, hemmungslos und mit letzter Konsequenz hinzugeben, haben die anständig Aufständischen hierzulande dieses Dilemma längst gelöst. Und zwar so:

„In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig waren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir.“ [7]

Ja, der Mann – Eberhard Jäckel, Mitglied der sozialdemokratischen Partei und Historiker – redet vom Holocaustmahnmal. Ist das nicht schön? Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz hassen „wir“ die Juden [8], nicht trotz, sondern wegen Auschwitz dürfen „wir“ endlich wieder stolz sein. Wegen „unserer“ kompromisslosen Vergangenheitsbewältigung. So bewältigt ist diese Vergangenheit, sie rührt sich kaum noch… Betäubt, geschlachtet und verwurstet in endlosen ZDF-Dramen, eine beständig sich wiederholende „nationale Festplatte“, die mittlerweile nicht einmal mehr
Spiegel-Journalisten zufrieden stellt. [9]

Das Elend liegt darin, dass die Nation eine notwendiges Gegengewicht zur ökonomischen Verwertung der Staatsbürger darstellt, das als umarmendes Kollektiv für das staatsbürgerliche Subjekt umso wichtiger wird, je stärker ihm die permanente Konkurrenzsituation, in der er sich befindet, zusetzt. Das macht sie für die bürgerliche Ideologie unverzichtbar. Selbst jetzt, wo in Dresden zehntausend „besorgte Bürger“ in den Farben des vermeintlich fortschrittlichen, demokratischen Deutschlands gegen „Islamisierung“, „Frühsexualisierung“ und die „Lügenpresse“ demonstrieren, also gegen das Fremde und die Aufklärung, lügen sich unsere Liberalen noch in die Tasche, dass hierzulande alles in Ordnung sei, und wenn es irgendwann hunderttausend wären, lögen sie sich noch immer in die Tasche. Der politische Liberalismus kann sich nicht seiner eigenen Grundlage berauben, so antidemokratisch, so reaktionär diese nationale Basis in Deutschland auch sein mag. Was immer passiert, sie werden auch in Zukunft „Chaoten“ und „Extremisten“ als Ursachen ausfindig machen und zugleich den Jahrestag des grausam überhöhten formaljuristischen Beitritts der ehemaligen DDR zur BRD feiern.

Damals, nach ihrer im nationalen Rausch vollzogenen „Wiedervereinigung“, brannten in der Nation, die mich am Tag meiner Geburt als Staatsbürger rekrutierte, ohne um Erlaubnis zu fragen, die Asylheime. Kurz vor der endgültigen, gewalttätigen Eskalation erklärte einer der damals besorgten Bürger den Unterschied zwischen „uns“ und „den Asylanten“ auf folgende Weise:

„Ich bin nicht ausländerfeindlich, aber wie die sich hier bewegen – das geht doch gegen jede deutsche Norm. Da sind wir Deutschen ganz anders: Für Sauberkeit, für Ehrlichkeit.“ [10]

Und sehr „anständig“, möchte man noch hinzufügen.

PS: Wenn ich auswanderte, wäre Deutschland dann nicht immer noch da? Eben. Der geneigte, nationale Leser erspare mir also diesen gewiss gut gemeinten, gleichwohl nutzlosen Ratschlag.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=Ys01h-4fXAs
[2] http://www.textlog.de/tucholsky-wir-1920.html
[3] http://de.paperblog.com/theodor-wiesengrund-adorno-meinung-wahn-gesellschaft-907802/
[4] Th. W. Adorno, Negative Dialektik, S. 358
[5] http://www.marcuse.org/herbert/pubs/60spubs/65reprtoleranzdt.htm
[6] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/journalismus-in-der-krise-das-ende-des-medienmonopols-a-1011015.html
[7] https://www.youtube.com/watch?v=POMiLSd3UbU&t=5m17s
[8] http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37962/sekundaerer-antisemitimus
[9] http://www.spiegel.de/kultur/tv/tannbach-zdf-epos-mit-jonas-nay-heiner-lauterbach-und-martina-gedeck-a-1010635.html
[10] https://www.youtube.com/watch?v=zhNoRWPrj9g

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