Gewalt ist eine Lösung

Ich denke, es ist Zeit, den Pazifismus endlich zu beerdigen. Tot ist er ohnehin bereits seit 1933, und mittlerweile verbreitet er den unangenehmen Geruch deutscher Ignoranz. Denn es geht eben nicht an, dass hier den Russen übel genommen wird, dass sie sich nicht haben auslöschen lassen, den Engländern, dass sie deutsche Innenstädte zerstörten, den Amerikanern die Atombomben auf Japan, und den Juden generell, dass sie keine Opfer mehr sein wollen, und sich dieser Mief, garniert mit Kalendersprüchen aus dem Munde des weisen Dalai Lama, dann noch „kritische Haltung“ schimpft. Tatsächlich ist die Position der reinen Gewaltlosigkeit im selben Maße unhaltbar, in dem sich ihre Befürworter argumentationslos in die Pose Karl Liebknechts werfen.

Zunächst: Ja, ich bin mir bewusst, dass dem Pazifismus ein bürgerlicher Block entgegensteht, der jenen verächtlich macht, um die eigenen Interessen künftig auch mit Gewalt durchsetzen zu können. Die nachfolgenden Sätze sollen diesem nicht den Weg ebnen, sondern ihm vielmehr eine Position entgegenstellen, die nicht bereits beim Hinweis auf die in der Tat gewaltsame Befreiung Europas vom Faschismus inhaltlich in sich zusammenfällt, wie es dem Pazifismus in allen Auseinandersetzungen der letzten Jahre zu Recht ergangen ist.

Dieses voraus gestellt behaupte ich, dass jene „kritische Haltung“ ein Privileg ist, das sich nur leisten kann, wer nie Ziel einer misanthropischen, gar auf Vernichtung abzielenden Ideologie geworden ist. Konstantin Wecker hofft also in einem seiner Gedichte, bei all dem Krieg auf der Welt wenigstens in seinem „Herzen (…) gewaltfrei zu bleiben“ – aber wer hofft denn da? In Summa: Ein erfolgreicher, beliebter, weißhäutiger, männlicher, heterosexueller Bio-Deutscher, wohnhaft in der BRD. Die Gewaltfreiheit wird ihm nicht schwerfallen, denn wer bedroht ihn denn?

2010 hat Joachim Gauck an der Linkspartei kritisiert, sie vertrete einen „taktische(n), aber kein(en) ethische(n) Pazifismus“. Nun würde mich interessieren, wie der Herr Bundespräsident denn sein eigenes Verhältnis zur Gewalt beschreiben würde – ist die Kriegshetze bei ihm moralisches Prinzip, oder verhält er sich in dieser Frage nicht gerade so, wie er unsereins vorwirft, nämlich taktisch im Sinne von: Den eigenen Interessen entsprechend, und denen der Nation, die er repräsentiert? Seine Kritik an der Linkspartei jedenfalls ist doppelt falsch. Erstens hat Gauck leider Unrecht, denn in der Tat vertritt die Linkspartei eine vulgären Pazifismus, dessen „Ethik“ sich darin erschöpft, den Westen alias „den amerikanische Imperialismus“ zu verdammen, und zweitens: Wenn es wäre, wie er behauptet, worin liegt dann seine Kritik? Etwa darin, dass auch Linke – wie er selbst – Gewalt dann für richtig halten, wenn es ihren politischen Zielen nützt, mit dem geringfügigen Unterschied, dass es uns nicht um eine möglichst dominante Stellung Deutschlands in Europa und der Welt geht, sondern um Freiheit, um Emanzipation, um ein möglichst gutes Leben für möglichst viele Menschen? Es wäre wünschenswert, wenn er sich damit abfinden müsste.

Und es wäre wünschenswert, wenn sich die politische Linke mit gewissen Zuständen nicht (!) abfinden würde. Als ich in die achte Klasse ging, fuhren wir gemeinsam ins Skilager. Dort eskalierte das Mobbing eines eitlen, aber dummen Schnösels, umringt von eitlen, aber dummen Blondinen, gegen eine Mitschülerin dermaßen, dass sie sich nicht mehr traute, zu den Mahlzeiten zu erscheinen. Wir, die wir erkannten, was passierte, und es verurteilten, waren alle miteinander fromme Vulgärpazifisten: Man hatte uns gelehrt, Konflikte „gewaltfrei“ zu lösen, verbal war jenen aber nicht beizukommen, also taten wir – nichts. Beim Gedanken an all das Leid, das diesem Mädchen hätte erspart werden können, wenn nur irgendwer, am besten sie selbst, besagtem Schnösel vor möglichst vielen Zuschauern möglichst hart auf die Nase geboxt hätte… Was ist denn eine schlimmsten Falls gebrochene Nase gegen Mobbing? Und selbst wenn: Leitete, wer da herzhaft drein boxte, wirklich, wie Wecker befürchtet, einen neuen „Kreislauf“ der Gewalt ein, oder zerstörte er oder sie nicht eher, wie Herbert Marcuse in „Repressive Toleranz“ ausführte, den bereits etablierten?

Mit dem selben Recht, mit dem im geschilderten Fall drein geboxt werden hätte sollen, mit dem haargenau selben Recht treten kurdische Milizen heute gegen IS an. Wir wissen, wer in diesem Konflikt der Aggressor ist, wir wissen, was mit denen passiert, die dem IS in die Hände fallen, wir wissen, wer für unsere Werte kämpft (Nicht für „westliche Werte“, an die sich der Westen noch nie gebunden gefühlt hat, sondern für unsere Werte, für die der Linken!) – es gibt keinen Zweifel, und weil es keinen gibt, sind viele Linke auch so wütend, wenn Cem Özdemir von den Grünen erklärt, es sei unmöglich, den IS „mit der Yoga-Matte unterm Arm“ zu stoppen. Warum trifft sie das so? Weil er Recht hat, und weil sie wissen, dass er Recht hat.

„Soll der Bayer doch nach Syrien gehen, wenn Krieg so eine tolle Sache ist!“, höre ich nun die Genossen grollen. Zugegeben, ich hänge an meinem einzigen Leben viel zu sehr, als dass ich mich von einem islamischen Klerikalfaschisten erschießen lassen wollte – und gerade deshalb bewundere ich jene, welche dem IS entgegentreten und den dafür notwendigen Mut und die Opferbereitschaft aufbringen. Was immer sie an materieller Unterstützung benötigen, was immer sie fordern, sie sollen es bekommen.

Der Herr Özdemir aber schweige, er liefere seine Waffen, sofern sie gewünscht werden, und schweige. Er und seinesgleichen mögen es unterlassen, sich zu feiern, von der „Verantwortung Deutschlands“ zu halluzinieren, enttabuisierte Diskussionen zu begrüßen, oder den simplen Akt, einer bedrängten Minderheit veraltete Waffen Zwecks Selbstverteidigung zu liefern, anderweitig zu instrumentalisieren. Es geht hierbei einzig um die Kurden und um deren Überlebenskampf, um die Zukunft tausender Menschen. Es geht bestimmt nicht um einen Platz an der Sonne für die deutsche Nation.

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Ein Gedanke zu “Gewalt ist eine Lösung

  1. „Und selbst wenn: Leitete, wer da herzhaft drein boxte, wirklich, wie Wecker befürchtet, einen neuen „Kreislauf“ der Gewalt ein, oder zerstörte er oder sie nicht eher, wie Herbert Marcuse in „Repressive Toleranz“ ausführte, den bereits etablierten?“

    Wenn es Zufall ist, das in einer Region, wo seit 1990 2 Kriege stattfanden. Und nach dem ersten Krieg, wo die Infrastruktur zerstört war, noch ein striktes Handelsembargo verhängt wurde, so das kaum was wieder aufgebaut werden konnte. Und insgesamt in den 20 Jahre über 1 Mio Iraker gestorben sind, schätzungsweise eine halbe Million Kinder. Also das es wirklich Zufall ist, das dort die größten Barbaren seit langer Zeit auftauchen.
    Wenn das wirklich Zufall ist, dann gibt es keinen Kreislauf der Gewalt, sondern die pazifistische „Repressive Toleranz“ macht diese Menschen zu Barbaren.

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