BRD-Nostalgie

In die politischen Gesprächen der kleinen Leute, die sich mit zunehmendem Grausen von ihren parlamentarischen Vertreten abwenden, hat sich eine merkwürdige Sehnsucht eingeschlichen. „Früher“, ist man sich sicher, „hatten unsere Politiker noch Format!“ Nun – hatten sie welches?

Tatsächlich ist kaum eine Zeit mit mehr Mythen beladen als die ersten Jahrzehnte der BRD. Bei uns gilt bis heute ein Mann als „Vater des Wirtschaftswunders“, dessen wirtschaftliche Kompetenz sich im Wesentlichen darin äußerte, zur richtigen Zeit die Früchte der von den US-Behörden organisierten Währungsreform als persönliches politisches Kapital für sich verbucht zu haben. Ansonsten wurde Ludwig Erhard, diese Koryphäe der „Sozialen Marktwirtschaft“, primär dort tätig, wo es durch die Nazis enteignete Juden von ihrem rechtmäßigen Eigentum fernzuhalten galt. Und ja, das ließ er sich auch bezahlen. Ein korrupter, schmerbäuchiger Arier. Und den betet ihr an –?

Und was wir für Außenpolitiker hatten…! Einer klüger und entschlossener als der andere, und der größte von allen: Außenminister Genscher. Wer kennt den Namen nicht? Wer kennt nicht Klaus von Dohnanyi und Hildegard Hamm-Brücher? Jeder kennt sie. Politische Prominenz. Und zufällig tätig im Auswärtigen Amt, als eine Frau in Argentinien wochenlang gefoltert wurde, die weit weniger bekannt ist und über weit mehr Format verfügte als jene: Elisabeth Käsemann. Jene Frau, die ihre Menschen- und Bürgerrechte aus Sicht unserer werten Politprominenz wohl dadurch verwirkte, dass sie Linke war. Jene Frau, die zu retten eines einzigen scharfen Wortes aus dem Auswärtigen Amt an die argentinischen Verbündeten bedurft hätte, das allein deshalb nicht erfolgte, weil es dem DFB und der deutschen Rüstungsindustrie unangenehm gewesen wäre. Jene Frau, deren qualvolle Haft und kaltblütige Ermordung heute ein Schandfleck auf den Karrieren Hamm-Brüchers und Dohnanyis sind, weshalb diese „sehr bedauern“. Deutsche Schicksale. Und nicht einmal dazu kann sich Hans-Dietrich Genscher überwinden. Nicht einmal dazu reicht sein „Format“. Und den betet ihr an –?

Nicht zu vergessen der einzigartige Helmut Schmidt, den sie sich heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur noch unter Hervorhebung seiner großen Verdienste zu kritisieren trauen. Dabei ist er die Verkörperung des Typus des reaktionären Sozialdemokraten, der seine Karriere auf dem Ausverkauf der Partei gründet: Gegen Ausländer, gegen Israel, gegen Sozialstaatlichkeit, gegen universelle Menschenrechte. Ein patriotischer Bildungsbürger mit Hang zu Autoritarismus. Und den betet ihr an –?

Warum? Und warum, Frau Wagenknecht, Herr Gysi, bedienen sie diese Stimmung?

Aber nicht nur jene drei, die ganze Zeit wird mit kindischer Verehrung überzogen. Als der Kapitalismus noch „sozial“ war, heißt es. Als sich die Politiker noch gestritten haben. (Allerdings nicht mit Kommunisten, die sie statt mit Argumenten dann doch lieber mit Berufsverboten bekämpften.) Als das Kapital noch schaffte und nicht raffte. Und eben, als die Politiker noch „Format“ hatten. „Format“? Pustekuchen.

Es ist eine Albernheit, an die damaligen politischen Figuren heranzutreten wie an Heilige. Sie sind keine gewesen. Ihre Politik diente haargenau wie die heutige den Interessen der deutschen Nation und denen des deutschen Kapitals.

Aus diesen Gegenüberstellungen, mit denen die kleinen Leute ihre Vertreter anzugreifen pflegen, spricht niedrigster, deutscher Untertanengeist. Sie beschweren sich, dass der König faul ist und säuft. Aber dass er herrscht…? Natürlich muss er herrschen. Ein König muss doch herrschen…! Wie die glorreichen Könige vor ihm.

Die BRD-Nostalgie legt sich heute wie ein fauliges Tuch über den oppositionellen Geist und erstickt ihn.

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