Der Tragödie andrer Teil

Es passiert wieder: In Nahost eskaliert die Gewalt – und in Deutschland gehen Rationalität und kritisches Denken flöten. Was vom verkappten Antisemitismus eines Ken Jebsen, der auch ohne Nahost schon ein beträchtliches Maß an Wahnsinn zustande bekommt, und seinen „linken“ Verbündeten zu halten ist, war hier bereits zu lesen. Nun hat sich aber auch Deniz Yücel zu Wort gemeldet und dabei einmal mehr den Beweis erbracht, dass es eben auch auf der anderen Seite kritikwürdige Positionen gibt.

Die Idee, es gebe irgendwelche „Völker“, darunter auch ein „deutsches“ und ein „jüdisches“, welche sich grundsätzlich voneinander unterschieden, ist eine wichtige Grundlage rassistischen, antisemitischen und völkischen Denkens. Nicht vollständig fanatisierte Linke versuchen, diese Idee zu erkennen, wo sie auftaucht, um ihr dann einen scharfen Humanismus entgegensetzen zu können. Wir vollziehen das völkische Denken also nach, ohne es uns zu eigen zu machen. Anders unser Klugschreiber:

„Darin sind sich fast alle Kommentatoren und ihre Leser einig: Natürlich dürfe man Israel kritisieren. (…) Nein, du darfst nicht. Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik.“

Ein „Menschenrecht“ nicht. Aber ein Bürgerrecht, nämlich die Meinungsfreiheit. Herr Yücel, dessen Gesinnungsgenossen eben diese Meinungsfreiheit gerne als Zeichen westlicher, zivilisatorischer Überlegenheit deuten, dabei aber die koloniale Vorgeschichte vergessen, wird das doch wohl wissen. Wie also habe ich dieses Bürgerrecht verwirkt?

„Und schon gar nicht (gibt es ein Recht auf Israelkritik) für dich (den deutschen Leser). Nicht als Nachkomme jener Leute, die die Vernichtung der Juden von Europa geplant und durchgeführt haben.“

Ja, das ist ernst gemeint. Der werte Herr Yücel wirft seinen Gegnern tatsächlich deren Vorfahren samt ihrer Taten vor, ganz so, als gäbe es da irgendeine mystische Verbindung… Sein Nazismus mit umgekehrten Vorzeichen mündet hier in einen biologischen Rassismus gegen von ihm so definierte „Deutsche“, der nur deshalb ungefährlich ist, weil er sich gegen die Mehrheitsgesellschaft richtet. Erzreaktionär, aber belanglos, und wäre das der einzige Rassismus, der derzeit in der Linken umherschwirrt, so könnte mensch, belustigt über die neuste ideologische Verirrungen, müde lächelnd vorübergehen.

Nun, es ist nicht der einzige Rassismus. Eine von mir eigentlich wegen ihrer Aufklärungsarbeit geschätzte Seite hat kürzlich berechtigt den NRW-Linken Niema Movassat wegen seiner mangelnden Sensibilität gegenüber dem gerade hochkochenden Antisemitismus angegriffen, dann aber – ganz und gar nicht berechtigt – dessen „Abstammung“ ins Spiel gebracht. Die Antwort auf meine kritische Nachfrage lässt sich polemisch, aber ehrlich so zusammenfassen, dass Antisemitismus im Grunde eine Art Rassenmerkmal der Araber sei. So wird dann auch des Herrn Movassats Hautfarbe zu einem sehr bedeutenden, fast zwingenden Hinweis auf eine antisemitische Gesinnung… Rassismus? Macht nichts, die Damen und Herren Seitenbetreiber sind „Ideologiekritiker“ – die dürfen das.

Aufschlussreich war auch das linke Echo auf eine Aktion der Bildzeitung. Diese hatte ihren Lesern die unerträgliche Provokation zugemutet und „Nie wieder Judenhass!“ getitelt. Statt nun zu reflektieren, warum ausgerechnet die BILD diese Position
einnimmt – nämlich, weil der Springer-Verlag wie fast die gesamte nicht-faschistische, deutschnationale Rechte begriffen hat, dass die Aussöhnung mit Israel, die es niemals geben kann, Bedingung ist für die Rehabilitierung der deutschen Nation, die es niemals geben darf – wurde die BILD über Nacht zum liebsten Freund der emanzipatorischen Linken. Vergessen waren die Tiraden gegen „faule Griechen“ und „Zypr-Idioten“, falls sie diesen Teil der Linken je interessiert haben sollten.

Nun hat die BILD aber wenige Tage später freundlicher Weise die hässliche Seite ihrer bedingungslosen Solidarität mit Israel in Form eines rassistisch verhetzten Kommentars gegen den Islam gleich mitgeliefert. Autor ist Möchtegern-Sarrazin Nicolaus Fest, der sich dafür sogleich die verdiente Anzeige einfing.

Sanft bloßgestellt durch den strategischen Fehler ihres neu gewonnen Verbündeten sahen sich daraufhin die hauptamtlichen „Islamkritiker“ der „Aktion 3. Welt Saar“ genötigt, eine Stellungsnahme herauszugeben. Überschrift:

„Strafanzeige gegen BILD-Journalisten lenkt von islamischen Antisemitismus ab.“

Aha. Nun, das tut der „Faust“ auch. Und sollte Goethe selbst noch nicht des Antisemitismus überführt sein, so empfehle ich, dessen Definition noch ein wenig zu erweitern. So soll Goethe einmal Mitgefühl mit hungernden, da arbeitslosen Strumpfwirkern gezeigt haben – da wird doch was zu machen sein… Weiter:

„Nicht Islamkritik ist rassistisch, sondern die Ausgrenzung von Flüchtlingen.“

Sagen wir: Islamkritik ist nicht immer rassistisch. In den meisten Fällen ist sie es aber eben doch, wie auch „Israelkritik“ fast immer antisemitisch ist. (Damit ist zur Richtigkeit der Kritik übrigens noch gar nichts gesagt.) Das hindert die „Aktion 3. Welt Saar“ nicht, Herrn Fest zum Aufklärer zu stilisieren, der „islamischen Antisemitismus (…) benenn(t) und problematisier(t)“, nur um zwei Absätze später zuzugeben, dass jener sehr wohl „rassistische Ressentiments“ bedient. Und das will etwas heißen, denn nach deren Lesart beginnt Rassismus grundsätzlich erst mit der konkreten „Ausgrenzung von Flüchtlingen“. Wohlgemerkt, das kommt von Leuten, die in „personalisierter Kapitalismuskritik“ bereits Antisemitismus sehen. Wenn aber diesen Flüchtlingen – eben nicht nur in „Teilen“ – auf Grund ihrer religiösen Zugehörigkeit und des Kulturkreises, aus dem sie stammen, pauschal Antisemitismus vorgeworfen wird, findet keiner was dabei. Auch Herr Yücel nicht:

„Ein Gutes hatten die antisemitischen Parolen auf den Demonstrationen: Seither gibt es etwas, was man hierzulande nur noch aus Studien kannte: leibhaftige Antisemiten. Die heißen Mohammed und Laila und Kemal und rufen Dinge, die sich nicht gehören.“

Kein Michael? Keine Karin? Nein….? Ein Glück, dass wir solch scharfsinnige Journalisten haben. Und während der deutsche Kleinbürger noch aufatmet und sich über seine Generalabsolution freut, bleibt mir nur die Frage: Wer entreißt solchen „Antideutschen“ endlich ihren Ehrentitel?

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