Integration ist heilbar

Die deutsche Debatte um Einwanderer läuft folgendermaßen: Da sitzt ein politisch rechts stehender Herr in einer Talkshow und erklärt: „Ausländer, das geht aus jeder Statistik hervor, sind ganz überwiegend weder leistungs- noch integrationswillig.“ „Falsch!“, hält ein Politiker irgendeiner nur scheinbar weltoffenen Partei dagegen, „Die Mehrheit der ausländischen Mitbürger arbeitet hart und trägt somit ihren bescheidenen Teil zu unserem florierenden Gemeinwesen bei. Ich habe hier diverse Statistiken, die eindeutig belegen, dass…“ Zwischen den beiden sitzt eine junge Frau, die wohl verkörpern soll, was die Herren unter einem Beispiel gelungener Integration verstehen: Hübsch, gebildet, ohne Kopftuch, und ohne kritische Gedanken darunter.

Dieser Streit zwischen reaktionärem und liberalem Bürgertum ist von Stil und Ausrichtung her eine Unverschämtheit, weil er einen rassistischen Druck zur Anpassung ausübt.  Es ist, als würden sie Schulnoten an ganze Milieus vergeben. Welcher Migrant, welche Migrantin will schon Schuld sein, wenn der böse Onkel Sarrazin von seinem goldenen Buch aufsehend mit strenger Stimme spricht: „Meine Engel berichten mir von einer signifikant höheren Arbeitslosigkeit. Falls sich das nicht bald ändert, muss ich wohl von einer genetischen Minderwertigkeit ausgehen…“? Das schlimmste an rassistischen Klischees ist die Furcht der Diffamierten, ein solches Klischee zusätzlich zu bedienen. Rassismus ist Freiheitsberaubung.

Das Ergebnis dieses mal mehr, mal weniger subtil ausgeübten Psychoterrors kann man hervorragend in einer schon etwas zurückliegenden Ausgabe der Talkrunde „hart aber fair“ begutachten. Die Diskussion war, wie Diskussionen zu solchen Themen immer sind: Rechts der Rassismus, dagegen der zutreffende Rassismusvorwurf, der in solchen Sendungen aber nie gründlich herausgearbeitet werden, folglich auch niemanden überzeugen kann. Der einzige Erkenntnisgewinn lag im Auftreten des Vertreters der muslimischen Gemeinde. Der Mann war gekommen, um eine 75 Minuten lang um Anerkennung zu feilschen. Sein Angebot an das deutsche Publikum: „Ordentliches“ Äußeres, „anständiges“ Deutsch, unbedingte Verfassungstreue und – als i-Tüpfelchen – eine Mitgliedschaft in der FDP. Was er gesagt hat, war zusammengefasst folgendes: „Nehmt meine Tochter als Leiharbeiterin und meinen Sohn als Soldaten, nehmt meine Frau als Verkäuferin und mich als braven Steuerzahler, aber: Nehmt uns. Akzeptiert uns. Alles, alles will ich tun – Trachten tragen, Sauerkraut essen, Deutschlandfähnchen schwenken – solange ihr mir nur den Makel, dunkelhäutig und Moslem zu sein, nachseht.“ (Das Tragische daran: Es funktioniert nicht einmal. Zu Tausenden waren jüdische Soldaten im ersten Weltkrieg für „ihren“ Kaiser gefallen, mit dem Ergebnis, dass der deutschnationale Boche den Juden hinterher vorwarf, der „im Felde ungeschlagenen Front“ das rituelle Schlachtmesser in den Rücken gerammt zu haben. Assimilation führt nicht zwingend zu Akzeptanz.)

Warum? Was soll diese grenzenlose Anbiederung, die ja doch keinen Rassisten besänftigt? Genau hierin nämlich liegt die gesellschaftliche Repression, die weder Kamera noch Schlagstock braucht: Ich selbst – white & upper-class – sitze hier und verachte wortreich diese Nation, negiere ihre jämmerlichen Sekundärtugenden, die nur Dummköpfe für Werte halten, lache über „Eliten“ und über elitenhörige Untertanen – es stört keinen. Warum auch? Ich sitze ja nur meinem eigenen Vater auf der Tasche, und nicht Vater Staat. „Lasst doch die Studenten entlaufene Bürger spielen, die kommt schon wieder zurück…!“ Uns lässt man es durchgehen. Aber wehe, wehe eine dunkelhäutige, möglicherweise sogar arme Person, jemand ohne Abitur und ohne einem die Härten des Lebens ersparender Geldgeber, wagt es, sich ähnlich zu äußern: Dann hat er oder sie tausend (sozial-)rassistische Vorurteile bestätigt, und diejenigen Teile des Bürgertums, die sie sonst so engagiert dabei sind, Minderheiten zu beschützen, lassen jene im Regen stehen und verstecken sich lieber hinter ihren „Positivbeispielen“.

Und überhaupt: Auf welcher Grundlage fordern diese Politschnösel – die rassistischen und die toleranten – eigentlich Integration und Leistung von Migranten, von irgendwem? Welcher Artikel des Grundgesetzes besagt eigentlich, der kapitalistische Verwertungsprozess und das Schwenken eines Deutschlandfähnchens sei erste Bürgerpflicht? Es gibt keinen solchen Artikel, denn das Grundgesetz entstand in einem historischen Zusammenhang, der einen solchen Zwang von selbst verbot – nur in ihren Talkrunden, da gibt es diesen Zwang plötzlich. Er wird stillschweigend für alle vorausgesetzt und dann mit ganzer Härte gegen Migranten gerichtet. Mit welchem Recht?

In einem Punkt sei den Rechts-Bürgerlichen allerdings Recht gegeben: Eine deutsche Nation braucht eine deutsche Leitkultur. Nur brauchen wir keine deutsche Nation – das ist unser ganzer Streit. Ihr liest Bomben auf Belgrad werfen, ihr decktet Altnazis, ihr rüstetet das Apartheid-Regime auf und Herrn Pinochet. Nicht „wir Deutsche“, sondern ihr, die ihr selbst euch als Teile dieser Nation seht. Wir gehören nicht dazu und legen auch keinen Wert darauf. Unsere Welt geht nicht unter, wenn elf Millionäre wieder einmal das Halbfinale verlieren. Und wenn das eine türkischstämmige 16-Jährige auch so sieht, dann hat sie sich eben gegen euer Deutschland-Wir entschieden.

Lebt damit.

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