Der Wursthans

Am 23.09.2012 saß ein gewisser Uli Hoeneß in Jauchs sonntäglicher Talkrunde. Zunächst aufgewertet durch einen Einspieler, der nichts von seiner Mitgliedschaft in der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, dafür sehr viel von  seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen , seinem „Aufstieg durch Leistung“ zu berichten weiß, hält er sein leidenschaftliches Plädoyer: Es bringe doch nichts, „wenn die Parteien permanent gegeneinander arbeiten“, stattdessen mögen die Politiker „das Land voranbringen“, der Staat müsse „endlich anfangen, die Ausgaben zu kürzen“, statt trotz „sprudelnder Steuereinnahmen“ (Hört, hört!) weiter Schulden aufzunehmen. Gegensätzliches sei Linkspopulismus.
Ein bisschen mehr Diktatur. Ein bisschen weniger Sozialstaatlichkeit. Ein gutes Jahr ist das her.

Der selbe Uli Hoeneß hat also jahrelang mindestens 27 Millionen Euro Steuern hinterzogen – Hohn, Spott und Antipathie sind angemessen. Das Hauptaugenmerk sollte aber nicht auf Hoeneß und seinen kriminellen Machenschaften liegen. Nicht, weil er das nicht verdient hätte. Gegen solche Klassenkämpfer von oben, die nicht einmal vor elementarsten Menschenrechten halt machen (Ich erinnere mich an eine Werbung der oben genannten INSM: „Alles medizinisch mögliche für alle ist nicht finanzierbar.“), braucht man sich wahrlich nicht zurückzuhalten. Sondern, weil es nicht weiterführt. Man bleibt im bürgerlichen Diskurs stecken, in dem Hoeneß heute noch verehrt würde, hätte er sich an das gehalten, was sie „Recht und Ordnung“ nennen.

Diese Klasse von abgehobenen Golfspielern und Finanzspekulanten, die noch die Frechheit hat, sich als Elite zu bezeichnen, wirft uns alle paar Jahre einen der ihren zum Abreagieren hin. (Tatsächlich bringt sich der Betreffende durch Dummheit und Gier selbst zu Fall, aber im Ergebnis ist es das Gleiche.) Dabei handelt es sich um ein Bauernopfer. Einer, der die ganze „Elitenverachtung“, wie „die da oben“ selbst die Wut gegen sich nennen, stellvertretend für seinesgleichen abbekommt. Sobald diese Wut verraucht ist, steht uns wieder eine (um ein prominentes Mitglied ärmere) Klasse gegenüber, der die Damen und Herren Realpolitiker jeden Wunsch erfüllen, und die wegen ihrer sozialen Wohltätigkeit (von der Hoeneß anscheinend glaubt, sie ersetze die Steuerpflicht) moralisch unanfechtbar ist.

Vergessen wir die Steuerhinterziehung für den Moment und wenden uns der wesentlich entscheidenderen Frage zu: Woher hatte Hoeneß eigentlich das Geld für sein inoffizielles Engagement? Reich geworden ist er unter anderem durch seine Fleischfabrik „HoWe Wurstwaren“, in anderen Worten: Durch Lohnraub. Zur Intensivierung dieses Lohnraubs war offenbar jedes Mittel recht: „Missbrauch“ der Leiharbeit (als ob die je zu etwas Anderem als zur Reduzierung der Lohnkosten gedacht war) ebenso wie das Missachten von Tarifverträgen. Der Mann hat also Geld gestohlen, mit diesem Geld anderer Leute spekuliert, und hatte dann nicht einmal den Anstand, die Gewinne daraus zu versteuern.

Am mangelnden Anstand nehmen die Damen und Herren in den Feuilletons von Süddeutsche und Zeit nun durchaus Anstoß. Am Lohnraub? Ich bitte sie… Man ist doch kein Bolschewist. Denn der Lohnraub ist im traditionell reaktionären Deutschland allgemein als richtig anerkannt – auch von den Beraubten. Und so wirkt die Empörung über Uli Hoeneß auf das System teilweise sogar stabilisierend. Der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, für deren Lobbyarbeit er wohl künftig verbrannt sein wird, erweist Hoeneß dieser Tage seinen letzten Dienst.
Steckt ihn also ins Gefängnis, wenn es die bürgerliche Moral und das bürgerliche Recht gebieten. Dieses aber bleibt festzuhalten: Hier hat sich nicht ein Einzelner blamiert. Hier wurde eine Ideologie demaskiert, und wir werden uns nicht damit begnügen, auf einen seiner Apostel zu spucken, wo es auf den Neoliberalismus selbst zu spucken gilt.

Eines noch zum Abschluss: Falls wieder ein Philister erklärt, dieses oder jenes sei utopisch und „nicht finanzierbar“, merkt euch diese Zahl und werft sie ihm an den Kopf, sodass der hole Klang weithin erschallen möge.

27 000 000 €

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Ein Gedanke zu “Der Wursthans

  1. rechtsprechung oder verurteilung?
    in diesen tagen erinnere ich mich an die worte eines deutschen richters: “hier im gericht wird nicht recht gesprochen, es wird geurteilt!”

    wird in der strafsache uli hoeness “recht” gesprochen, dann geht er für mindestens vier jahre in den knast (logisch wird er dann revision beantragen). bei einer verurteilung wird er wohl mit nur zwei jahren auf bewährung davonkommen.

    in der steueroase deutschland muss in diesen grössenordungen niemand steuer hinterziehen. steuerhinterziehung ist strafbar, nicht aber steuervermeidung oder die steuerverschwendung unserer politiker! der kriminelle, wurstverkäufer (darf´s ein bisschen mehr sein?) und steuerhinterzieher hoeness hat seine aktivitäten in der schweiz übrigens sehr dumm eingefädelt und will jetzt auch noch, dass das gericht (bzw. steuerfahndung) seine steuern in ordung bringt. die profis unter den steuervermeidern nutzen hierfür kein nummernkonto und schon gar kein konto auf den eigenen namen, sie gründen hierfür ganz legal eine stiftung oder eine offshore-gesellschaft (im falle hoeness z.b. auf den namen “wurst im eigenen darm”, “scheibchenweise” oder “wurstfinger”). es fallen dann nur niedrigst-pauschalsteuern an. solange der steuervermeider keine gewinne entnimmt, fällt in deutschland auch keine steuer an. auszahlungen an den steuervermeider werden dann als darlehen verbucht und die (überhöhten) zinsen hierfür dürfen dann auch noch in seiner steuererklärung als ertragsmindernde kosten deklariert werden. da in deutschland keine vermögenssteuer veranlagt werden muss, darf die vorgenannte gesellschaft oder stiftung (zählt zum vermögen) auch in der steuererklärung ungenannt bleiben. alle grossen unternehmen (besonders unsere banken) nutzen diese vorteile der steuervermeidung oder geldwäsche, hier in unserem lande, ganz legal.
    http://campogeno.wordpress.com/2014/03/12/hoeness-rechtsprechung-oder-verurteilung/

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