Liebe und Hass

Was wir hier betrachten, angreifen, bewerten und für ethisch hoffnungslos halten, ist das Treiben, das sich Tag für Tag draußen abgespielt hat, und über das sich kaum einer mehr – bis auf die Leidenden – aufhielt. Nicht die großen Skandale sind es, nicht die Sonderfälle, die sich überall einmal ereignen, sondern der tägliche Wust von Unehrlichkeit, Diebstahl an Nahrungsmitteln, den niemand mehr als Diebstahl empfand, Mißbrauch der Dienstgewalt und brutaler Unterdrückung der fremden Nationen. (…) Der deutsche Offizier wirkte bei diesen Übeltaten mit, war stets durch Befehl gedeckt und sah bestenfalls untätig zu.

Das ist der Grund für den gerechten Haß gegen den deutschen Offizier.“

(Kurt Tucholsky; Militaria)

Vor einiger Zeit hatte ich die Dreistigkeit, in einer Diskussion mit anderen – sagen wir: gemäßigt linken – Jugendlichen die Unverschämtheit, eine Diffamierung der werten Damen und Herren von der NPD vorzunehmen. Die Reaktion: Einhellige Empörung. Eine solche Diffamierung, wurde mir entgegengehalten, sage mehr über die emotionale Verfasstheit des Diffamierenden aus, als über die NPD. Damit aber lagen sie – so mein rückblickendes Urteil – nur teilweise richtig. Meine Diffamierung, wonach es sich beim einfachen Mitglied der NPD um einen Baseball schwingenden Dummkopf handelte, der nach der Pfeife seiner Vorgesetzten zu tanzen habe, sagt sehr wohl etwas über die NPD aus wie auch über jede andere streng hierarchisch organisierte faschistische Partei, ob Goldene Morgenröte, Swoboda oder NSDAP: Sie trifft zu und wird auch nicht abgestritten. Das ist deren Selbstverständnis. Das ist deren Ideal. Ätzender Spott ist angemessen: „Gegen Hitler und seine Leute ist jedes Mittel gut genug. Wer so schonungslos mit andern umgeht, hat keinen Anspruch auf Schonung – immer gib ihm!“, schrieb Tucholsky 1932 in der Weltbühne. Darauf möchte ich auch weiterhin bestehen. Recht geben möchte ich der Kritik allerdings in dem Punkt, der auf meine emotionale Verfasstheit abzielt. Sie war – ist – in Hinblick auf die NPD und einiges andere: Hass. Glühender Hass. Gerechter Hass. Davon handelt dieser Text. Dem interessierten Leser werde ich im Folgenden nachvollziehbar zu machen versuchen, warum dieser Hass gerecht ist, warum er weiter glühen muss, und warum Gauck mit seinem Versuch, mich „mit der Politik zu versöhnen“ auch dann scheitern müsste, wenn er kein zum Kriege hetzender Ordensträger wäre.

Am Anfang steht das schlichte Faktum: Ob Leichen an Spaniens Stränden, ein kollabierendes Gesundheitssystem in Griechenland, ermordete Gewerkschafter in Südamerika, eingekesselte Demonstranten in Frankfurt, Uranabbau im Niger, oder Vertreibungen mittelloser Familien aus ihren Wohnungen in den Vereinigten Staaten: Diese Dinge passieren. Kein Sozialdemokrat und auch kein Konservativer kann irgend etwas davon bestreiten. (Was sie allerdings können, ist totzuschweigen. Sie tun das reichlich.) In der bürgerlichen Presse hingegen werden jene Missstände gelegentlich kritisch aufgenommen, zu gelegentlich zwar und nicht kritisch genug, aber dennoch: Ich bin, will ich keine Verschwörungstheorien konstruieren, gezwungen, von der Echtheit obiger Vorgänge (die Liste ließe sich beliebig fortführen) auszugehen. Jeder, der mit offenen Augen durch unsere Medienlandschaft geht, ist dazu gezwungen. Die Alternative: Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen. So schlimm ist es gar nicht. Merkel (alternativ: Das System, „unsere“ Demokratie, der Staat, „unsere“ freiheitlich-demokratische Grundordnung, kurzum: Die gottgewollte Obrigkeit) macht das schon… Wer sich diese Haltung auf Dauer zu eigen macht, hat sich bewusst dazu entschieden. Entschuldigt wird die soziale Ignoranz durch „Sachlichkeit“, „Sachzwänge“ und die daraus folgende Notwendigkeit, gemäßigte „Realpolitik“ zu betreiben. Allerdings sehr real ist das – an verschiedenen Orten, von verschiedenen Milieus, zu verschiedenen Zwecken – ausgeübte Unrecht gegen immer die selben: Die Unterschicht. Denn dadurch ist Unterschicht definiert, nämlich fasst der Begriff die Menschen zusammen, die ökonomisch und hierarchisch unterlegen sind. Systematisches Unrecht kann dauerhaft nur gegen Menschen verbrochen werden, die im System selbst ohnmächtig sind oder es zu sein glauben. Und hier will ich sie alle miteinander festhalten, klein- und großbürgerliche Philister: Von einem gesamtdeutschen, erst recht von einem europäischen und besonders von einem globalen Blickwinkel aus gesehen ist die Lage weiter Bevölkerungsschichten extrem prekär, wer sich nicht aktiv abwendet, sieht es. Wer daran die Verantwortung trägt, ist eine andere Frage, aber sehen muss man es. Hass hingegen entsteht hier keiner, viel mehr handelt es sich um eine kühle, rationale Herangehensweise. Man sucht das Haar in der Suppe (Dass man es suchen muss, liegt daran, dass die Suppe selbst aus Informationsschrott besteht, dass „wir eher die Körbchengröße einer Schauspielerin (erfahren) als die Verbrechen deutscher Konzerne in aller Welt.“(Jutta Ditfurth)), recherchiert, und erweitert gegebenenfalls sein politisches Wissen. Mehr ist gar nicht dabei. Die Fakten müssen stimmen. Man muss sie aber auch wissen wollen.

Nun aber ist der Mensch nicht nur ein denkendes, sondern auch ein fühlendes Wesen. Was bedeuten 60% Jugendarbeitslosigkeit? Eine Zahl, was ist dabei? Null Komma Sechs. Sechs aus Zehn. Mehr als die Hälfte… Gar nichts ist dabei. Es sei denn, man sieht die Menschen hinter der Zahl, denn die Zahl ist nur ein objektiver Ausdruck der Realität. Den Rest muss die Empathie leisten. Wie fühlt sich wohl eine Schwangere, die in Griechenland vor einem Kreißsaal abgewiesen wird? Wie fühlt sich wohl ein Afrikaner, der an der spanischen Küste mit Gummigeschossen ins Meer zurück getrieben wird? Wie fühlen sich wohl die Angehörigen der 1973 beim Putsch in Chile Ermordeten, wenn sie Henry Kissinger als gefragten Experten für Außenpolitik im TV sehen? (Keine Ausrede, keine Widerrede – die Zahlen sind unbestritten!) Siehst du die Situation vor dir? Was sie fühlen, ist offensichtlich, die entscheidende Frage ist: Was fühlst du dabei? Mitgefühl? Wenn du mit ihnen fühlst, wirst du um ihren Hass nicht herum kommen. Hier allerdings muss reflektiert werden: Nicht jeder Hass ist gerechtfertigt, dass der Mann Jude ist, spielt keine Rolle. Nur der eine, dessen, dem Leid zugefügt wurde und wird, der gramerfüllt, vielleicht gebrochen, zu seinem Peiniger aufsieht, ist der einzig legitime und zu preisende Hass. (In unsere patriarchalen Gesellschaft kommen Frauen häufiger in diese Lage. Deshalb ist der Druck auf sie, brav und angepasst zu sein, auch ungleich höher.) Kissingers elegant organisierte Massenmorde aber wäscht kein vaterländischer Verdienstorden und kein Friedensnobelpreis von ihm ab. Wir wissen – weil die Bürgerlichen, die zum Glück nicht homogen sind, es heute selbst zugeben – dass es sich so zugetragen hat, wir wissen, dass er dafür gehasst wurde und wird, und dass dieser Hass berechtigt ist, weil 3000 Menschen an jenem 11.9.1973 für das Verbrechen, ein sozialistisches Chile zu wollen, ermordet wurden. Wegen einer Empathiefähigkeit, die Fluch und Segen zugleich ist, gibt es für mich keine andere Möglichkeit, als den Hass gegen Kissinger zu teilen. Und so ist es mit Vielem: Sobald die Richtigkeit der Vorwürfe (Keine Plagiatsvorwürfe… Mord. Totschlag. Umweltzerstörung. Konterrevolution. Diktatur. Nicht die persönlichen Verfehlungen des Ministers X, die in der Mainstreampresse ohnehin ausreichend thematisiert werden, sondern die Verbrechen von Staat und Kapital.) und die Verantwortlichkeit zweifelsfrei geklärt sind, wird der Hass obligatorisch. Aber jedem Hass steht auch etwas gegenüber, was man schätzt, verteidigt, achtet: Der sich zufällig in eine dunkelhäutige Frau verliebt, wird den Rassenhass zu hassen lernen. Er tut gut daran.

Wenn der präsidiale Feldkaplan also von „Versöhnung“ spricht, will er nicht, dass es den Griechen besser geht, sondern, dass ich vergesse, wie es ihnen tatsächlich geht. Versöhnen wollt ihr? Dann beendet die Kriege, beendet die Spardiktate, übergebt die Fabriken den Arbeitern, und räumt eure Pöstchen. Das wollt ihr nicht? Dann redet nicht von Versöhnung, wo es keine geben kann. Und nennt mich nicht Wutbürger, denn beides ist falsch: Weder bin ich wütend noch Bürger. Wut entspringt Entrüstung und verraucht, sobald ihre Ursache behoben ist oder nicht mehr aktuell erscheint. Aber dieser Hass in mir kann nicht verrauchen. Es ist der Hass aller, von denen man beweisen kann, dass ihr sie je unterdrücktet, gestützt durch Wissen, entflammt durch Empathie – gegen euch.

Abschließend noch dieses: Eine positive Bezugnahme auf den emotionalen Zustand des Hasses ist im bürgerlichen Diskurs in etwa so angesehen wie eine auf den Kommunismus – zwei gute Gründe, beide vorzunehmen. Denn das ist, was wir wollen: Kein Herr-Sklave-Verhältnis, nirgends, nie mehr, zwischen niemandem. Bis dahin: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ (Georg Büchner, der nichts, nichts mit der reaktionären Kleinbürgerin zu tun hat, die heute in seinem Namen von künstlich erzeugten „Halbwesen“ fabuliert.)

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