Die politische Sprache

Den Rückschlag der 70er Jahre haben wir nicht zuletzt (…) der Tatsache zu verdanken, dass die anderen sich der Sprache bemächtigt haben, die Sprache als Waffe benutzt haben, dass sie Begriffe herausgestellt, mit anderem Inhalt gefüllt haben und dann auf einmal als Wurfgeschosse gegen uns, nicht ohne Erfolg, verwendet haben. Darum ist für mich der Kampf um die Sprache eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die geistige Selbstbehauptung.“
(F. J. Strauss)

 Meinungsfreiheit in Deutschland im 21. Jahrhundert: Sie wird gewährt. Herr Sarrazin selbst, dem Parteibuch nach Sozialdemokrat, wird in den kommenden Wochen den Beweis erbringen, indem er in diversen Talkshows ungestraft das Gegenteil behaupten und seine Gegner mit der „Nazikeule“-Keule erschlagen wird…Kaum vertritt man biologischen Rassismus, schon nennen sie dich einen Rassisten. Skandal! Man wird doch wohl noch (widerspruchslos) sagen dürfen…darf man nicht?! Hilfe! Meinungsfreiheit! – es ist jämmerlich.

Vergessen wir den verbitterten Hetzer für den Moment, was er schreibt, taugt nichts, und jeder mit intakter Empathiefähigkeit oder minimalem wissenschaftlichen oder literarischen Anspruch wird zustimmen. Tatsache aber ist: Es steht hierzulande nicht allzu gut um Diskussionskultur (die es nicht gibt, die aber gebraucht würde) und Meinungsfreiheit (die es gibt, von der aber kaum jemand ernstlich Gebrauch macht), weil man uns nämlich die politische Sprache abgewöhnt hat. Deutlich wird das an den Reaktionen auf meine Texte. Nun muss man als Linker damit rechnen, bei einem Großteil der Bevölkerung auf sehr grundsätzliche Ablehnung zu stoßen, interessant aber ist , was eher kritisch denkende (ergo: mir wohlgesonnene) Menschen zu sagen haben. Die Erkenntnis: Auch bei diesen gibt es eine Hemmschwelle, die exakt an der Stelle liegt, an der das betreten wird, was die herrschende Klasse (Luft angehalten? q.e.d.) politischen Extremismus nennt, zu Deutsch: Widerstand mit Erfolgsaussicht. Es ist ein historischer Sieg des Antikommunismus eines Strauss, eines Adenauers, eines McCarthy, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Verweis auf Moskau  die Sozialdemokratie bändigte (sofern diese das nicht bereits selbst besorgt hatte) und zugleich die politische Linke kaltstellte. Seitdem ist das Wörterbuch dessen, der Befreiung und Umwälzung will, vergiftet. Jakob Augstein hat kürzlich einen Text verfasst, der zusammengefasst besagt: Die deutsche Linkspartei möge doch endlich ihre Zunge zügeln, künftig von „Verbalradikalismus“ absehen, damit den Weg für Rot-Rot-Grün frei machen, und das Ergebnis sei dann: „Linke Politik für Deutschland.“ Was für eine Logik! Eine Partei, deren Mitglieder nicht einmal radikale Forderungen stellen (sonst droht „Verbalradikalismus“, die bürgerliche Presse könnte das missbilligen), soll dann radikal handeln? Wie soll denn linke Politik möglich sein, wenn man sich nicht einmal mehr traut, linkes Vokabular zu verwenden? Nun, es trauen sich durchaus welche – die anderen. Diejenigen, die diffamieren. Es ist schon fast wieder komisch, mit welcher kindlichen Unwissenheit scheinbar gebildete Menschen Begriffe durcheinanderwürfeln, von denen sie nichts wissen und die sie nie interessiert haben. Man nehme: Marxismus, Sozialismus, Kommunismus, Diktatur des Proletariats, Klasse, radikal, extremistisch, militant, durchmische gut, und serviere mit den Worten: „Der gottlose Russe hat es 72 Jahre lang gefressen. Willst du das auch!?“ Fast ist es komisch, aber eben nur fast, denn dahinter steht eine bitterböse Absicht.

Der Deutsche trägt seine liebe Obrigkeit tief im Herzen, und er hat sie um so lieber, je mehr Rechte sie im zugesteht. Er tut es natürlich nicht wirklich, aber: Wenn er wollte, dürfte er sagen, was er denkt. Das schätzt er. Leider wird er von seinem selbstgewählten Dasein als Untertan dermaßen in Anspruch genommen, dass weder für das Denken noch für das Sagen noch ausreichende Kapazitäten vorhanden sind. Es stimmt, dass Meinungsfreiheit gewährt wird – eingefordert wird sie nicht, vom Austesten ihrer Grenzen ganz zu schweigen. (Wer hier an Sarrazin denkt: Der Mann testet gar nichts. Er tritt nur nach unten, unten aber kann keine Meinungsfreiheit beschneiden, kann die Verächtlichkeit nur stumm ertragen. Es war der präsidiale Feldkaplan, der jenen „mutig“ genannt hat. Er hätte kein unzutreffenderes Adjektiv wählen können.)

Ich will niemanden kränken; jedem subversiven Element gebührt Anerkennung, ob es nun von Klassenkampf reden mag oder nicht. Aber dass ein großer Teil der Menschen in diesem Land nie einen Gedanken auch nur gedacht hat, der die Herrschafts- und Besitzverhältnisse in Frage stellt, und dass diese Menschen Meinungsfreiheit nicht verdienen, weil diese sie nicht benutzen, bestenfalls als intellektuelles Accessoire betrachten, bekommt kein Philister wegdiskutiert. Und solange sich die linken Philister (Herr Augstein darf sich angesprochen fühlen…) weigern, zu sagen, was zu sagen ist, weil sie ja keine Bolschewisten sind – solange ändert sich daran auch nichts.

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