Wie schön es doch wäre…

Ich beneide die Patrioten. Wie clever das ist: Da gelingt einem etwas, er freut sich , und alle seine patriotischen Landsleute freuen sich mit. (Es muss ein er sein, schließlich geht es ums Vaterland. Hat man je von einem Mutterland gehört? Eben.) Wie gerne wäre ich da einmal dabei! Allein, es fehlt der Grund zu jubeln.

Ein richtiger zumindest. Stellt euch vor, die Bundesregierung verhinderte die Einführung der Genmaissorte 1507. Stellt euch vor, jene behandelte griechische Bürger wie deutsche Bürger. Stellt euch vor, deutsche Sicherheitsdienste hätten nach 1945 Kriegsverbrecher verfolgt, anstatt Fritz Bauer an eben diesem zu hindern. Stellt euch vor, diese Nation würde einmal, ein einziges mal, nicht chauvinistisch und aggressiv für die eigenen Interessen auftreten, sondern  im besten Sinne bourgeois, aufgeklärt, und weltbürgerlich – ich glühte vor Stolz auf dieses neue Deutschland. Stattdessen: Elf Millionäre haben eine Lederkugel erfolgreich durch ein Eisengestell befördert… Aufrichtigen Glückwunsch an die Betreffenden. Deutschland? Warum Deutschland? Warum Jubeln?

Das Paradoxon dabei ist, dass diejenigen, die den Stolz auf diese Nation, die nie gelernt hat, Republik zu sein, bis heute nicht, am meisten einfordern, dass diese Menschen, die Anderen das Menschsein reihenweise absprechen, zugleich am meisten dafür tun, dass dieser Stolz ganz und gar unmöglich ist und einer tiefen, berechtigten Scham weicht. Ein Glück, dass der Front National so erfolgreich ist, sonst könnte man dem denkenden Franzosen überhaupt nicht mehr in die Augen sehen.

Diese Scham ist es, die die sogenannten Antideutschen antreibt. Was soll man dazu sagen? Das man sich mit dieser Nation im Rücken nicht mehr vor die israelische Linke zu treten traut, ist verständlich. Aber musstet ihr deswegen zu den sympathischen Herren Broder, Netanjahu und Kissinger überlaufen? War es nötig? Geht es jetzt besser? Wird es euch besser gehen, wenn der Iran erst flächendeckend radioaktiv kontaminiert ist? Lieber der Iran eine Atomwüste als Israel, werden sie sich gedacht haben. Und so entschied man sich für das kleinere Übel (Das nicht einmal das kleinere Übel ist, denn ist zwar das Denken antisemitisch Denkender keinen Pfifferling wert: Sie selbst sind es wohl, und nicht weniger als irgendwer sonst.) – so viel „Realpolitik“ war selten in der „radikalen“ Linken.

Und die anderen Realpolitiker? Sie haben einmal mehr ihren seit dem ersten Weltkrieg durchaus liebgewonnenen Kompromiss geschlossen. Die neue Linie der großen Koalition besagt, Deutschland möge endlich „außenpolitische Verantwortung übernehmen“ und die Sparpolitik in Südeuropa weiterhin und unverändert durchzusetzen.  Es ist bitter, sich eingestehen zu müssen: Diese herrschende Klasse in Deutschland ist das exakte Abziehbild ihresgleichen von 1914. Die Pickelhaube tragende Germania selbst ist neue Kriegsministerin, Steinmeier geht auf den ersten Blick als Noske durch, und Gauck gibt den ehrwürdigen Feldkaplan. Wie lange soll das noch so gehen? Wie oft soll das neue Deutschland, das ja nur die schmählichen Defizite gegenüber anderen bürgerlichen Nationen aufholen soll – von Sozialismus noch kein Wort gesprochen – wie oft soll das noch beerdigt werden?

Wie schön es doch wäre, einmal ungekünstelt und aufrichtig dieses Gefühl zu haben: Dass diese Gesellschaft, dieser Staat – im Rahmen seiner Klassengegensätze – so progressiv ist wie möglich, und dass man sich für diesen Pass und das Sprechen dieser Sprache wenigstens nicht zu schämen braucht. Gäbe es einen Anlass, keine Sekunde zögerte ich, meine rote Seele zu verkaufen, den Satz zu sprechen, den sie hören wollen: „Heute bin ich stolz, Deutscher zu sein.“ Wieso Hass auf Deutschland? Mein guter Wille ist doch vorhanden. Jedoch: Einen Grund müssten sie mir geben.

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